Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung von Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität zu Köln.

„Voices Prophesying War. Future Wars 1763–1984“ titelte 1966 eine kluge Analyse des britischen Autors Ignatius F. Clarke, in der er aus einem Spektrum von populären Heften bis hin zu philosophischen Betrachtungen eine Diagnose der Ängste und Hoffnungen westlicher Gesellschaften zu deren Entstehungszeit herleitete. Auf eine erweiterte Ausgabe des Werkes von 1992, in der Clarke die Zukunftskriege nun bis 3748 (!) erweiterte, stützt sich am Rande auch Armin Wagner in seiner Analyse. Demnach gab es in den 1980er- und 1990er-Jahren im englischsprachigen Raum fast 250 Romane und Erzählungen über den nächsten großen Krieg. Wagner fächert die literarischen Typologien kundig auf und berücksichtigt auch die äußerst wirkmächtigen filmischen Bearbeitungen des Themas. Er konzentriert sich aber nicht nur auf eine Mediengattung, sondern auch auf eine Autorengruppe: NATO-Offiziere. Das bedeutet nicht, dass diese Autoren im Auftrag des westlichen Bündnisses schrieben. Vielmehr handelte es sich um professionelle Militärs (in der Regel im Ruhestand), die aus NATO-Ländern stammten und die damit auch einen transnationalen Kommunikationsraum bedienten. Im sowjetischen Machtbereich gab es diese Darstellungen nur in wenigen Ansätzen. „ABC“ bezeichnet dabei nicht wie alltäglich üblich die simpelsten Grundtatsachen, sondern setzt den Fokus auf atomaren, biologischen und chemischen Krieg, konzentriert sich in den Endzeitvorstellungen aber doch überwiegend auf Ersteres.

Die Fülle der hierbei ausgewerteten Arbeiten, in denen es um den Dritten Weltkrieg als „geistiges Schlachtfeld“ geht, ist erstaunlich. Wagner knüpft an die wissenschaftlich-publizistische Literatur seit den 1950er-Jahren an, von amerikanischen Think-Tanks bis hin zu Friedensbewegungen. Erstaunlicherweise klammert er die reale strategische Debatte, die konkreten Weisungen und Kriegsbilder aus, die doch heute zum größten Teil nicht mehr der Geheimhaltung unterliegen, sondern arbeitet die Sicht von „Fachleuten“ mit „Insiderblick hinter den Kulissen“ (S. 55) heraus. Das gab diesen Offizieren im Vergleich mit anderen Romanschriftstellern einen hohen Anspruch auf Realität in der Fiktion, geradezu einen (potenziellen) Wahrheitsanspruch ihrer Szenarien und Projektionen. Diese Szenarien gingen jedoch immer von einem Angriff der Sowjetunion beziehungsweise des Warschauer Pakts auf den Westen aus, argumentierten also durchgehend defensiv, ließen die Schreckensszenarien des realen Nuklearkrieges zumeist aus und zeichneten nur den abschüssigen Weg dorthin.

Der deutsche General Johannes Steinhoff entwickelte schon in den 1970er-Jahren unterschiedliche Szenarien, die von begrenzten konventionellen Attacken Moskaus über generelle konventionelle Angriffe, begrenztem Einsatz von Atomwaffen bis hin zum strategischen Nuklearkrieg reichten. Zugrunde lag durchweg das gleichsam objektive Dilemma der NATO-Strategie von flexible response, also der Zusicherung, dass die USA gemäß Artikel 5 des Statuts auch in Europa mit der Bereitschaft zur Steigerung bis zum Atomkrieg eingreifen würden. Jedoch hielten sich mehr oder weniger deutliche Zweifel, ob sie dann einen solchen Weg bis hin zum weltweiten Atomkrieg tatsächlich begehen würden. Unter dieser Voraussetzung begannen die meisten Romane mit Kriegsszenarien konventioneller Art und behandelten zunächst einen konventionellen Krieg auf deutschem Boden.

Stil- und inhaltsprägend wurde – und darauf kommt Wagner immer wieder zurück – John Hackett, „Der Dritte Weltkrieg. Hauptkriegsschauplatz Deutschland“ von 1978, der einen solchen Krieg für 1985 schilderte. Der vormals hochrangige britische General verfasste seine Schrift tatsächlich zusammen mit anderen Offizieren und Diplomaten. Diese Veröffentlichung zielte nachdrücklich auf die britische und weltweite englischsprachige Rezeption, hatte aber eine besondere Wirkung in Westdeutschland. Hacketts Weltkrieg begann um Jugoslawien, spielte sich auch in Afrika, dem Nahen Osten und Ostasien ab – hatte einen zentralen Punkt aber in Deutschland. „Der Spiegel“ druckte in mehreren Folgen Auszüge. Der ehemalige deutsche Viersternegeneral Graf Kielmansegg verfasste ein zustimmendes Vorwort, sodass sich daraus insgesamt ein politischer Appell zur verstärkten konventionellen Rüstung herleiten ließ. Andere Ex-Generale wie Graf Baudissin, der mittlerweile das Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik gegründet hatte, widersprachen, sodass eine breite öffentliche Debatte entstand; Hacketts Buch wurde zu einem Bestseller. Der Grund lag auf der Hand: Er bündelte sowohl die unzureichenden westlichen Fähigkeiten konventioneller Kriegführung als auch eines begrenzten Atomkrieges und entfaltete Szenarien politisch-ideologischer Entwicklungen in den unterschiedlichen Weltregionen, die Wagner ausführlich berichtet. Der Roman tritt damit als eine militärpolitische Streitschrift im akuten politischen Dialog des Erscheinungsjahres auf. Gerade in Großbritannien wirkte der Roman „auch als ein langes (verteidigungs- und militär-)politisches Manifest“ (S. 104). Die realen militärpolitischen Debatten dieser Zeit wurden durch Hackett gleichsam popularisiert: 1977 hatte Helmut Schmidt in einer Londoner Rede vor neuen sowjetischen Mittelstreckenraketen gewarnt, ein Vorgang, der dann 1979 in den NATO-Doppelbeschluss zur Gegenrüstung oder zu Verhandlungen mündete. 1982 veröffentlichte Hackett ein der veränderten militärpolitischen Situation angepasstes Szenario: „The Third World War. The Untold Story“ (dt.: „Welt in Flammen. Der Dritte Weltkrieg – Schauplatz Europa“). Bezeichnenderweise wurde die deutsche Version von einem Essay von Alfred Mechtersheimer begleitet, zwar Ex-Offizier, aber in jener Zeit zu einem der führenden Publizisten der Friedensbewegung geworden.

In diesem Aufzeigen einer auf eine breitere Öffentlichkeit zielenden Militärpublizistik, welche die nüchternen Sachdebatten begleitete und emotional aufbereitete, liegt das große Verdienst der Studie Wagners. Dies wurde hier an nur dem markantesten Beispiel Hackett und seiner Mitautoren gezeigt. Er präsentiert aber mit stupender Kenntnis eine große Anzahl weiterer Szenarien unterschiedlichen Zuschnitts und Reichweite, die sich alle mit den Sorgen und Ängsten angesichts der Möglichkeiten eines Atomkrieges befassen. Als Fachmann bemüht er sich – zum Teil mit zeitgenössischen Kritikern –, Schwachstellen, unwahrscheinliche Entwicklungen und Argumentationen zu entlarven (so auch bei Hackett, S. 109), doch das dürfte in den meisten Fällen angesichts der politischen Wirkungsabsichten nicht so relevant gewesen sein. Viel stärker noch richtet sich Wagner aber auf die literarischen Fantasien seiner Offiziersautoren und entfaltet deren Vielfalt an Szenarien, die oft genauso viel über ihr Entstehungsjahr sagen wie über die projektierten Bilder eines Nuklearkrieges. Hier wird im Grunde eine Emotionsgeschichte geschrieben, ohne dass der Autor sich dieses Begriffes und ihres Instrumentariums bediente.

Überblickt man die Fülle der von Offizieren, gerade auch von westdeutscher Seite her, entwickelten Szenarien bis 1989, bilanziert Wagner: „Im Grunde hegten etliche von ihnen Zweifel an der Stationierung neuer Atomwaffen in Deutschland und Europa. […] Mit Sicherheit würde jede vorstellbare nukleare Auseinandersetzung mit der Verwüstung großer Teile westdeutschen Gebietes enden. In der öffentlichen Diskussion wollten die Offiziere diesen Mangel überwinden“ (S. 234) – eben durch entsprechende Aufrüstung. Insofern trafen sie sich mit Autoren aus der Friedensbewegung, die jedoch nicht – wie hier formuliert wird – weiter „in the box“ dachten, sondern darauf abzielten, „the box bigger on the inside“ zu machen, also grundsätzliche Alternativen etwa durch soziale Verteidigung zu entwickeln. Hier bezieht Wagner auch am Rande die sich entwickelnde Friedenswissenschaft ein, die über die unmittelbare aktivistische Friedensbewegung weit hinausreichte und sich im transatlantischen Dialog nicht nur in Hamburg, sondern auch an anderen Universitäten entwickelt hatte: „Die offizielle Position der NATO traf auf das Fachwissen der Friedensforschung, die mit vielfachen, in sich gleichwohl uneinheitlichen Vorschlägen zur Entschärfung des Ost-West-Konflikts und zur Reduzierung von Atomwaffen öffentliche Stellung bezog.“ (S. 352)

Weiterlesen.

Jost Dülffer, Rezension zu: Wagner, Armin: Das ABC der Apokalypse. NATO-Offiziere erzählen den Dritten Weltkrieg. Frankfurt am Main 2025, in: H-Soz-Kult, 05.06.2026, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-158091.