Manchmal ist es etwas voreilig, wenn man sämtliche zweifelhaften Phänomene von kommerziell agierenden Akteuren vorschnell und ausschließlich aus dem Geist des Neoliberalismus zu erklären versucht. So verhält es sich auch mit den in den Konflikten der 1990er-Jahre ubiquitär in Erscheinung tretenden Private Military Companies (PMCs). Angesichts eines in ihren Augen neuartigen Phänomens erklärte sich vor allem die Politikwissenschaft diese kommerziellen Gewaltakteure durch die „Unterminierung des nationalstaatlichen Gewaltmonopols durch das neoliberale Ordnungsmodell“ (S. 332).
In seiner erhellenden, thesengeleiteten und im besten Sinne akteurszentrierten Dissertation schränkt Grischa Sutterer diese These überzeugend ein, um nicht zu sagen, er widerlegt sie. Der Autor untersucht in seiner sich als Problemgeschichte der Gegenwart verstehenden Arbeit an der methodischen Schnittstelle zwischen New Imperial History und Neuer Ideengeschichte, die er immer wieder lesenswert mit einer kräftigen Prise Operationsgeschichte anreichert, die Geschichte der ersten „Generation“ britischer PMCs zwischen 1952 und 1989. Im Ergebnis führt er den überzeugenden Nachweis, dass aufsetzend auf in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eigentlich marginalisierten imperialen Traditionen privater militärischer Gewaltausübung „[n]icht eine angenommene Entstaatlichung, sondern die weltweite Entstehung neuer Nationalstaaten während der Dekolonisierung unter den Bedingungen des Kalten Krieges […] die Rückkehr der Söldner [einläutete] – und mit ihnen die Entstehung der PMCs. Sie bildeten die Kehrseite der globalen Verbreitung des nationalstaatlichen Gewaltmonopols und operierten im Raum zwischen den neuen Staaten“ (S. 332). Um diesen Nachweis zu führen, schöpft der Autor nicht nur aus den vielfältigen Beständen staatlicher und Militärarchive sowie privaten Nachlässen, ihm gelingt es auch, durch ausgiebigen Rückgriff auf die Privatarchive einschlägiger Investigativjournalisten die opake Welt der Söldner ein gutes Stück zu erhellen.
Sutterer zeigt, wie aus der britischen Counter Insurgency-Einheit SAS heraus kommerziell agierende Akteure entstanden, die „die Transformierung des militärischen Organisationswissens des SAS in ein handelbares kognitives Gut“ (S. 115) ermöglichten. Dies taten sie jedoch nicht außerhalb oder unabhängig vom britischen Staat, sondern sie erfüllten für die britische Regierung zunächst eine wichtige strategische Ergänzungsfunktion. Sie ermöglichten die Stabilisierung pro-britischer postimperialer Regime, wo im doppelten Kontext von Dekolonisierung und Kalten Krieg eine offizielle Intervention in die jungen souveränen Nationalstaaten nicht mehr möglich oder wünschenswert war. Bald hatte sich dieselbe Regierung aber damit auseinanderzusetzen, dass die Geister, die sie rief, zunehmend ihrer Kontrolle entglitten. Aufgrund transnationaler antikommunistischer Netzwerke, ökonomischer Zwänge und neuer supranationaler Anknüpfungsmöglichkeiten entzogen sich die Militärfirmen Whitehalls Zugriff und retteten sich dadurch aus der Doppelkonstellation des Kalten Krieges und der Dekolonisierung in die globalisierten Vernetzungen der 1990er-Jahre hinüber.
Dieses übergreifende Narrativ rahmt auch die Struktur der in zwei Teile gegliederten Arbeit, deren jeweils titelgebende Leitmetaphern sich aus der Perspektive des „official mind“ in London speisen. In dem ersten Hauptteil mit dem Erzählhorizont „Kontrolle“ zeigt Sutterer anhand von Einsätzen der britischen Spezialeinheit SAS und später der PMCs British Mercenary Organisation, Watchguard und Keenie Meenie Services (KMS) in Malaya, dem Jemen und Oman, wie letztere in enger Zusammenarbeit mit staatlichen britischen Stellen aus ersterer erwuchsen. Überzeugend weist er die enge Koordination der aber auch transnational verflochtenen PMCs mit dem britischen Staat nach. Sie eröffneten der britischen Regierung eine neue strategische Möglichkeit: „Diese Netzwerke trugen dazu bei, dass es dem britischen Staat gelang, eine postimperiale Sicherheitsarchitektur unter den Bedingungen des Kalten Krieges aufzurichten, in der sich die angedachte Modernisierung der Gesellschaften entfalten sollte. Diese Schaffung neuer internationaler Strukturen ermöglichte in Teilen des Außenministeriums, des Auslandsgeheimdienstes und des Militärs ein Bewusstsein der Kontrolle über die Richtung des kontingenten weltgeschichtlichen Prozesses der Dekolonisierung. Und damit auch über die transnationale Privatisierung des Krieges.“ (S. 181)
Im zweiten Teil widmet der Autor sich dann im produktiven Anschluss an die konzeptuellen Überlegungen der New Imperial History, dass die „Peripherien“ eben auf „die Metropole“ zurückwirkten, dem titelgebenden „Kontrollverlust“ der britischen Regierung über die PMCs. Der Autor zeigt anhand der zeitgenössischen Putschängste Harold Wilsons, wenig erfolgreicher Regulierungsversuche, dem durch antikommunistische Netzwerke herbeigeführten Einsatz der PMCs entgegen britischen Regierungsinteressen in Angola und Südrhodesien, der Gewalteskalation im sri-lankischen Bürgerkrieg und dem Einsatz von KMS für die Europäische Gemeinschaft in Uganda, wie die PMCs aus ihrem engeren Entstehungskontext herausbrachen und sich dadurch in die Welt nach dem Kalten Krieg und der Dekolonisierung überführen konnten.
Als Ausblick spannt Sutterer den Faden in großen Schritten weiter zu den russischen Söldnergruppen wie Wagner und ihrem Gründer Jewgeni Prigoschin, die natürlich von Anfang an wie ein Schatten über dem Thema liegen. Sutterers Entscheidung, den unumgänglich im Raum stehenden russischen Fall zum Endpunkt und nicht zum vielleicht auch zu naheliegenden Aufhänger zu machen, erweist sich als äußerst klug. Sie rundet den Erzählbogen dieses erkenntnisreichen Buches geschickt ab, wenn der Autor zeigt, dass die Organisationsform der PMCs, die im Kontext der Dekolonisierung vor allem zur Verhinderung von Militärputschen gegen pro-britische Regime eingesetzt wurde, im „neo-imperialistischen“ (S. 344) Kontext von Putins Russland nun selbst zum Ausgangspunkt eines Militärputsches wurde.
Nicht nur seine übergreifende These belegt Sutterer im Rahmen seiner zweigliedrigen Erzählung überzeugend. Es muss hervorgehoben werden, dass er auch in den einzelnen regional gerahmten Fallstudien immer wieder erhellende Befunde zutage fördert, die aufgrund der beeindruckenden inhaltlichen wie konzeptuellen Dichte des Buches (bei unvermindert guter Lesbarkeit) hier leider nicht ausgiebig thematisiert werden können. Als eines von vielen Beispielen sei nur Sutterers Beobachtung ideeller Verbindungslinien zwischen maoistisch inspirierter Guerillataktik und britischer „Hearts and Minds“-Counterinsurgency bei der „Malaya Emergency“ genannt.
Dennoch gilt es hier auch zwei Kritikpunkte anzubringen. Der erste ist konzeptueller Natur: An einigen wenigen Stellen in Sutterers Analysen franst die diskriminative Kraft des für die Arbeit zentralen Adjektivs „postimperial“ etwas aus. So etwa, wenn das Saudische Königshaus (S. 95) mit dem gleichen Adjektiv bedacht wird wie etwa die Regierung des postkolonialen Kenias. Freilich, beide Staaten sind aus Imperien heraus entstanden, aber auf unterschiedlichen Pfaden aus unterschiedlichen Imperien und zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Entstand Kenia im Prozess der Dekolonisierung aus dem Britischen Empire heraus, entstand die saudische Monarchie aus dem seit Jahrhunderten betriebenen Versuch des Hauses Saud, ihren Staat aus der ohnehin nie wirklich kontrollierbaren Peripherie des anders als dem Britischen Empire begründeten und funktionierenden Osmanischen Reich herauszubrechen. Dies taten sie auch aus sehr unterschiedlichen geistigen Horizonten heraus. War in Kenia „Nationalismus […] Vehikel zur Durchsetzung eines Staatenbildungsprozesses im Rahmen eines internationalen Systems“ (S. 62), war der zentrale Identifikationsanker des Saudischen Staatsprojekts der damit wenig vergleichbare Wahhabismus, seine internationale Legitimationsgrundlage zu einem Gutteil auch die Kontrolle über die Heiligen Stätten des Islam. An wenigen solchen Stellen führt das Rubrum „postimperial“ zu einer Überbetonung von Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede ebenfalls nicht ganz irrelevant sind. Hier wäre zu überlegen gewesen, das entsprechende Adjektiv wahlweise sparsamer oder randschärfer vom Nachbarbegriff „postkolonial“ abgegrenzt zu verwenden.
Zweitens lässt Sutterers Analyse, stets hervorragend geschrieben und klug argumentiert, an einer einzigen Stelle die letzte argumentative – oder vielleicht eher narrative – Klarheit vermissen. Im letzten Unterkapitel seines zweiten Hauptteils über „Kontrollverlust“ zeigt er anhand des Einsatzes von KMS für die Europäische Gemeinschaft (EG) in Uganda grundsätzlich überzeugend, wie sich die PMCs zunehmend von ihrem ursprünglichen Entstehungskontext emanzipierten. Jedoch endet das Unterkapitel dann darin, dass die beim britischen Staat seit ihrem Einsatz in Sri Lanka in „Ungnade“ (S. 327) gefallene PMC deshalb in Zukunft keine weiteren Aufträge der EG mehr erhielt und ihr ökonomisches Überleben nur durch die Annahme einer neuen Markenidentität absichern konnte. Hier wäre es narrativ vielleicht plausibler gewesen, das entsprechende Unterkapitel in Epilogform aus der dyadischen Erzählstruktur Kontrolle/Kontrollverlust herauszulösen, um somit abschließend die Ambivalenzen und Grenzen von Kontrolle und ihres Verlustes sowie die Frage „wer kontrolliert?“ als Fäden für zukünftige Forschungen auszulegen.
Kevin Lenk, Rezension zu: Sutterer, Grischa: Die Privatisierung des Krieges. Private Military Companies und die postimperiale Neuordnung der Welt. Berlin 2024, in: H-Soz-Kult, 26.06.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-151118.
