Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung von Jan Erik Schulte, Ruhr-Universität Bochum / Gedenkstätte Hadamar

 

Die Friedensmissionen der blau behelmten Soldaten der Vereinten Nationen werden gegenwärtig öffentlich kaum wahrgenommen. Sie tauchen sporadisch in den Nachrichten auf, so beispielsweise im Zuge von Überlegungen für einen Waffenstillstand im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im Übrigen werden sie außerhalb der Fachöffentlichkeit weitgehend ignoriert. Zwar waren Ende Februar 2025 noch 60.000 Militärangehörige und Polizisten aus fast 120 Staaten im Einsatz, davon aber nur ein verschwindend geringer Teil aus Europa oder Nordamerika. Deutschland stellte 185 Soldaten und Polizisten. Während die neue „Weltunordnung“ zwar einen erheblichen Bedarf an unparteiischen Vermittlern hat, fehlt vielfach der internationale Konsens, auf dem das UN-Peacekeeping beruht.

Vor rund 35 Jahren, nach dem Ende des Kalten Krieges, stellte sich die Situation komplett anders dar. Eine „neue Weltordnung“, beruhend auf der internationalen Kooperation insbesondere auch zwischen West und Ost, schien greifbar nahe. Ein Instrument dieser Zusammenarbeit waren die Vereinten Nationen – und die zwar von den Einzelstaaten ausgerüsteten und entsandten, aber überwiegend vom UN-Sicherheitsrat mandatierten Blauhelmmissionen. In diesem Zeitraum wurde das UN-Peacekeeping nicht nur als zumindest teilweise erfolgreich wahrgenommen, sondern versprach auch politisches Prestige und militärische Anerkennung. Diese Einschätzung lag insbesondere auch dem deutschen Blauhelmeinsatz in Afrika Anfang der 1990er-Jahre zugrunde, wie eine der zentralen Thesen aus Torsten Konopkas Buch „Deutsche Blauhelme in Afrika“ lautet.

In einem Feld, das national und international von politikwissenschaftlichen Studien dominiert wird, hat Konopka mit seiner 2021 an der Universität Potsdam als Dissertation angenommenen Arbeit ein wichtiges geschichtswissenschaftliches Standardwerk vorgelegt, das insbesondere für die politikgeschichtliche Annäherung an die Motive, die der Beteiligung von Staaten am UN-Peacekeeping zugrunde liegen, Maßstäbe setzt. Das 780-seitige Opus bietet eine konzise Einführung in die bundesdeutschen Debatten um eine Beteiligung an UN-Friedensmissionen bis Ende der 1980er-Jahre und vor allem eine detaillierte, quellengesättigte Annäherung an die Hintergründe, den Ablauf und die Resultate der deutschen Beteiligung an den UN-Missionen in der Westsahara, in Namibia, Ruanda und Somalia Anfang der 1990er-Jahre. Zugleich werden auch die Gründe für eine Nichtbeteiligung an weiteren UN-Missionen auf dem afrikanischen Kontinent diskutiert.

Konopka schreibt keine Operationsgeschichte; vielmehr geht es ihm um die Entscheidungsfindungsprozesse auf politischer und militärischer Ebene. Er fragt nach den Gründen der Bundesregierung für die prinzipielle Zustimmung zu Blauhelm-Einsätzen unter Beteiligung von deutschen Polizisten und Soldaten und nach den Motiven der spezifischen Akteure. Dabei konzentriert er sich gemäß seinem Ansatz auf die Aushandlungsprozesse unter den beteiligten Ressorts, Bundeskanzleramt, Bundesinnenministerium, Auswärtiges Amt, Bundesministerium der Verteidigung und zum Teil auch Bundesjustizministerium. Hierbei wird deutlich, wie stark die einzelnen Ressorts die Entscheidungen der Bundesregierung vorbereiteten oder sogar bestimmten.

Basis für die Untersuchung sind die Aktenüberlieferungen der einzelnen Ressorts und der Bundesregierung. Aufgrund von Sperrfristen konnten nicht alle Akten eingesehen oder deren Relevanz überhaupt eingeschätzt werden. Ein Ergebnis der Quellenrecherche verstört: Die Unterlagen des für den – politisch kontroversen und militärgeschichtlich wichtigen – Einsatz in Somalia (UNOSOM II) zuständigen III. Korps des Heeres wurden vermutlich bei dessen Auflösung vernichtet (S. 53). Defizite, die aus der partiell disparaten Quellenlage resultieren, können nicht komplett durch Zeitzeugenbefragungen und Medienrecherche, die ihre je eigenen methodischen Herausforderungen haben, ausgeglichen werden, erweisen sich indes ganz prinzipiell als Begleiterscheinungen vieler Forschungen im Bereich der jüngeren Zeitgeschichte und sind auch ein Grund dafür, dass die bundesdeutsche Beteiligung an UN-Blauhelmmissionen bislang geschichtswissenschaftlich kaum untersucht wurde. Konopkas Pionierstudie legt diese Begrenzungen offen und lädt selbstbewusst dazu ein, auf seiner Studie als „erste[r] Bestandsaufnahme“ (S. 50) aufzubauen.

Meinungsstark entwickelt Konopka eine Reihe von Thesen, die er immer wieder anhand der Fallbeispiele überprüft. Ganz generell arbeitet er heraus, dass es sowohl an einer konzisen bundesdeutschen Politik für Blauhelmeinsätze als auch speziell an einer politischen, militärischen oder wirtschaftlichen Strategie für den afrikanischen Kontinent mangelte – obgleich die erste uniformierte Mission mit Polizisten (Namibia) und die erste schwer bewaffnete Mission mit Bundeswehrsoldaten (Somalia) dort stattfanden. Bei der Entscheidung für oder gegen eine Beteiligung handelte es sich durchgehend um Einzelfallentscheidungen.

Was waren die Motive, die den Positionen der einzelnen Ressorts zugrunde lagen? Vielleicht etwas überspitzt könnte man zusammenfassen: Ganz generell ging es um Sichtbarkeit und Prestige deutscher Politik und den Wunsch, politisch und militärisch nicht abseits, sondern gemeinsam in einer Reihe mit den westlichen und NATO-Partnern zu stehen. Humanitäre Erwägungen oder die Situation vor Ort im Einsatzland spielten nur eine untergeordnete Rolle. Die Ziele der Vereinten Nationen waren sekundär, was indirekt die prekäre Lage des UN-Sekretariats im Rahmen der Friedenssicherung deutlich macht, war (und ist) es doch auf die Mitgliedsstaaten nicht nur politisch, sondern auch militärisch angewiesen.

Während das Auswärtige Amt zeitgenössisch einen Weg zwischen einer „Kultur der Zurückhaltung“ (S. 168) und einer pointierten außenpolitischen Positionierung suchte und primär aus letzterem Grund UN-Einsätze unterstützte oder forderte, waren das Bundesinnenministerium, zuständig für die Bundespolizei, und das Verteidigungsministerium zurückhaltender.

Gerade der Einsatz in Somalia, der bezogen auf die Ziele, die die Vereinten Nationen und zumindest einige der beteiligten Staaten verfolgten, politisch, humanitär und militärisch in einem Fiasko endete, wurde indes maßgeblich vom Bundesverteidigungsministerium vorangetrieben. Das entsprechende, mit über 200 Seiten umfangreichste Fallbeispiel im Band trägt den programmatischen Titel „Zurück in der Familie“. Konopka benennt zwei zentrale Beweggründe. Erstens wirkte die Nichtbeteiligung deutscher Streitkräfte am Zweiten Golfkrieg als Trauma für die deutsche militärische Führung. Hier hatte die Bundeswehr eben nicht an der Seite der NATO-Partner gestanden. Da diese an den verschiedenen UN-mandatierten Somalia-Operationen beteiligt waren, bereitete sich das Verteidigungsministerium bereits auf einen Einsatz vor, bevor die UN ihre entsprechenden Anfragen stellte. Zweitens wurde versucht, durch eine Beteiligung in Somalia „den internationalen Druck zu senken, sich stärker im ehemaligen Jugoslawien zu engagieren“ (S. 505).

Trotz des desaströsen Scheiterns der Missionen, deren Folgen sowohl die Einwohner Somalias als auch die Weltgemeinschaft bis heute spüren, konnte die bundesdeutsche Seite den Einsatz als Erfolg verbuchen. Mit beachtlicher Schärfe stellt Konopka fest: „Insofern war die deutsche Beteiligung in Somalia in der Tat ein Erfolg, weil es den Bundesressorts darum ging, solidarisch neben ihren Partnern zu stehen. Der Einsatzort Somalia war austauschbar.“ (S. 506) Die Essenz dieses Urteils ist nicht überraschend. Auch bei der Beteiligung anderer Staaten an Blauhelm-Missionen spielte die Position der NATO und die Bündnissolidarität eine wesentliche Rolle. Konopka führt das Beispiel Norwegen an, auch Kanada ließe sich hinzufügen, wenn auch mit Einschränkungen.

In der Analyse der Einzelfälle sind viele Details zu finden, die die jeweilige Spezifik der Missionen, ihrer Hintergründe und ihrer Durchführung deutlich machen. So war für das Auswärtige Amt die Beteiligung von Polizeibeamten an der UN-Mission in Namibia (UNTAG) auch und gerade aus historischer Verantwortung für die ehemalige deutsche Kolonie angezeigt und von besonderer Bedeutung. Der Autor kommt bei seinen Analysen zu kritischen Abwägungen, die auch die jeweiligen Kapitel für sich genommen lesens- und bedenkenswert machen. Eine der historischen Perlen ist die knappe Beschreibung der ersten und letzten UN-Beteiligung von DDR-Polizisten seit dem 12. Oktober 1989 in Namibia – rund vier Wochen vor dem Fall der Mauer.

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Jan Erik Schulte, Rezension zu: Konopka, Torsten: Deutsche Blauhelme in Afrika. Die Bundesrepublik Deutschland und die Missionen der Vereinten Nationen Anfang der 1990er Jahre. Göttingen 2023, in: H-Soz-Kult, 18.06.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-139335.