Vom Sohn eines Eisenwarengroßhändlers aus Bremen zu einem begabten, anerkannten und erfolgreichen Maler und Graphiker, Lebenskünstler, Anarchisten und antifaschistischen Kommunisten, der bereits 1931 in die Sowjetunion ins Exil ging und 1942 in Kasachstan starb: Siegfried Bresler liefert eine reich bebilderte, bibliophile, dazu kostengünstige, ein breites Lesepublikum ansprechende Biografie über die Lebensleistungen Heinrich Vogelers. Das Buch zeigt das Ölbild „Mai-Morgen auf dem Barkenhoff“ von 1902 auf dem Cover, seinem wohl bekanntesten Wirkungsort im Künstlerdorf Worpswede. Bresler hat eine flüssig, fast romanesk geschriebene Biografie vorgelegt, die über die wesentlichen Schaffensperioden des Ausnahmekünstlers ebenso eindrucksvoll informiert wie über dessen politische Brüche, Lebens- und Schaffenskrisen. Entstanden ist eine Lebensbeschreibung, durch in sehr guter Qualität wiedergegebene Bilder gefällig aufgebrochen, die einer gängigen Tendenz in der Geschichtswissenschaft zuwiderläuft, eine Biografie in eine Struktur-, Sozial-, Wirtschafts- oder Gesellschaftsgeschichte zu integrieren. Das Buch ist eine eher konventionell geschriebene Arbeit, die die wesentlichen Lebensstationen, Erfahrungen, Leistungen, politischen und künstlerischen Einschätzungen und Wandlungen eines Malers vorstellt und analysiert.
In seinen ersten künstlerischen Versuchen knüpfte Vogeler an die Malerei der Renaissance an als „Ausdruck seiner Suche nach einer besseren Welt und nach dauerhaften Werten“ (S. 22) – so das Urteil des Autors, das als zentrale Aussage für den Titel des Buches Verwendung findet. Diese Suche jenseits von Gewalt, Krieg, Zerstörung und Zwietracht hat Heinrich Vogeler auf verschiedenen Feldern geführt: auf der Ebene des bildenden Künstlers selbstverständlich, sichtbar erhalten durch Gemälde, Illustrationen, Graphiken; als einer, der sich für sozialen Frieden einsetzt, verwirklicht durch den Versuch eines unkonventionellen, lebensreformerisch inspirierten Zusammenlebens mit anderen produktiven Mitmenschen in der Worpsweder Landkommune mit beachtlicher Außenwirkung; durch riskante Friedensappelle während des Ersten Weltkrieges, die ihm Verhaftung, Einweisung in die Psychiatrie, Diskriminierung, Isolierung, beinahe gar die Hinrichtung einbrachte; durch soziale Arbeit im Rahmen der kommunistischen Roten Hilfe Deutschlands; durch politisches, antifaschistisches Kunstschaffen, durch Flugblätter gegen den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg aus dem Exil heraus.
Neben herausragenden künstlerischen Leistungen werden Irrtümer, Umwege, Abwege und Verletzungen in der Biografie nicht ausgespart, so seine Hoffnung auf die KPD und die als Friedensmacht betrachtete Sowjetunion, die er wie viele seiner intellektuellen Zeitgenossen mehrfach besuchte – mit anfänglich großer Sympathie, dann mit deutlich vorgetragenen Vorbehalten. Da Siegfried Bresler sich ganz auf das Leben des einen Künstlers konzentriert, bleiben die Russlanderfahrungen anderer Intellektueller unbeachtet, wenngleich dies die Fachliteratur hergegeben hätte.1 Unerwähnt bleibt auch, dass die Psychiatrisierung von Kritikern des wilhelminischen Obrigkeitsstaates und dessen Weltmachtstreben kein Einzelphänomen war, sondern systematisch auch andere prominente Persönlichkeiten traf (z.B. den letzten deutschen Botschafter in London vor dem Ersten Weltkrieg Karl Max Fürst von Lichnowsky sowie die Pazifisten Hans Paasche und Hans-Georg von Beerfelde).
Zitierempfehlung:
Reinhold Lütgemeier-Davin, Rezension zu: Bresler, Siegfried: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Heinrich Vogeler 1872–1942. Bremen 2024, in: H-Soz-Kult, 15.05.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-152823.
