Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung von Norbert Fabian, Institut für soziale Bewegungen, Ruhr-Universität Bochum

 

Der Sammelband zur historischen und sozialwissenschaftlichen Konflikt- und Friedensforschung wurde von Markus Thurau im Auftrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) herausgegeben. Qualitativ fallen die interdisziplinär und multiperspektivisch angelegten Beiträge allerdings im Einzelnen eher unterschiedlich aus. Ursprünglich geht der Band auf eine wissenschaftliche Tagung im November 2021 zurück.

In seinem Vorwort verweist Sven Lange auf den Militärtheoretiker Carl von Clausewitz, der davon überzeugt gewesen sei, „dass Menschen ihre Konflikte nicht nur kriegerisch lösen können, sondern ebenso das Potential zu Kooperation, Ausgleich und Frieden besäßen“. Für die Konfliktbearbeitung von militärischer Gewalt und die Einhegung von Konflikten sei jedoch „interkulturelle Kompetenz“ gefordert (S. 9f.). Auf eine spezifische Konfliktkultur gehe auch die Konzeption der Inneren Führung zurück.

Markus Thurau stellt in seinem einführenden Beitrag die Allgegenwart und Vielfalt von Konflikten als höchst komplexes und ambivalentes Phänomen heraus. Konflikte müssten keinesfalls nur negativ als soziale und politische Tatsachen gesehen werden, die es zu vermeiden gelte, sondern sie könnten im Idealfall „produktiv und konstruktiv“ bearbeitet werden (S. 11). Konflikte ließen sich somit auch als Motoren von Persönlichkeitsentwicklung wie des sozialen Wandels sehen.1 Eine gewaltfreie Konfliktaustragung, die sich einer humanen „Ethik des Konflikts“ (Julian Nida-Rümelin)2 verantwortet weiß, sei ein konstitutives Element demokratischer Gesellschaften und als demokratisches Entscheidungsverfahren autoritären Regimen überlegen. Erst recht vielfältig ist Markus Thurau zufolge der Begriff Kultur, der in dem Sammelband sehr weit gefasst werden soll. In den Blick zu nehmen seien die kulturelle Dimension von Konflikten und normative Aspekte im Umgang mit Konfliktkulturen, bei einem Fokus auf den „Primat der Gewaltlosigkeit“ (S. 15).

Nahegelegen hätte es dann allerdings, in dem Sammelband die empirisch belegte These der US-Politikwissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan, dass gewaltloser Widerstand gegen repressive Regime demokratische Entwicklungen meist effektiver und nachhaltiger fördere als ein eher gewaltsames Vorgehen, stärker mit einzubeziehen und zu diskutieren.3 Immerhin wird in dem Beitrag von Wolfgang Heinrich „Versöhnung durch Vertrauen. Zu den Möglichkeiten ziviler Bearbeitung hoch eskalierter Konflikte am Beispiel Somalias“ ergänzend veranschaulicht, dass auch in „Situationen extremer Repression und Rechtlosigkeit“ (S. 61) gewaltfreie Aktionen von gesellschaftlichen Akteuren erfolgreich sein können. Philipp Münch versucht zudem am Beispiel Afghanistan seine These, dass moderne westliche Streitkräfte keineswegs ausschließlich auf Gewaltanwendung ausgerichtet seien, zu erläutern und zu belegen. Vielmehr gehöre zu ihrer Kultur auch, „vom Wesen her zivile, nicht-gewaltsame Mittel einzusetzen“ (S. 69). Nicht berücksichtigt sind dabei allerdings internationale, zivile Einsätze von Polizeikräften.4

Die Frage nach einer konstruktiven Konfliktkultur und einer Friedensethik erörtert der Theologe und Militärbischof Franz-Josef Overbeck weiter. Auch er will wegkommen von einseitig negativen Konnotationen des Konfliktbegriffs und die produktive Rolle hervorheben, die Konflikte in individuellem, sozialem und politischem Leben spielen können. Die „Herausforderung durch Gegenpositionen“ könne helfen, die eigene Position zu vertiefen, und die partizipative „Einbeziehung des Anderen“ (Jürgen Habermas)5 fördere die Akzeptanz von Entscheidungen durch Betroffene. Eine „Schulung im Umgang mit Konflikten“ könne Soldaten zu „klug urteilenden und maßhaltenden Friedensstiftern“ (S. 247) machen. Verantwortungskompetenz und Gewissensbildung sollten dazu befähigen, mit Dilemmata umzugehen und „alternative Handlungsoptionen“ zu entwickeln. Bei Gewissenskonflikten gebe es nicht nur ein Recht, sondern sogar die Pflicht, einen Befehl zu verweigern. Wenig ertragreich bleiben hingegen mit „Kain und Abel“ beginnende Ausführungen von Thomas R. Elßner zu einer konstruktiven Konfliktkultur in der hebräischen Bibel und der Geschichte des antiken Israel. Ansätze dazu hat es den angeführten Büchern der Thora zufolge wohl gegeben. Paradigmatisch für diese Konfliktkultur und historisch eindeutig belegt sind zugleich offen ausgetragene Konflikte zwischen Königen und den klassischen Propheten Amos, Jesaja und Jeremia, die Herrschafts- und Sozialkritik an Gewaltverhältnissen übten. Dies berücksichtigt der Beitrag jedoch nicht, der überdies auch exegetisch nicht angemessen genug historisch-kritisch arbeitet. Doch dürfte es weiterführend sein, biblische Texte, Überlieferungen und Konstellationen zugleich mit Hilfe konflikttheoretischer Kategorien zu analysieren und auszulegen.

Die Historikerin Claudia Kemper analysiert und kennzeichnet die komplexe Konfliktkultur des Kalten Krieges als prekären „Balanceakt“, der jederzeit hätte schiefgehen können. Im Blick auf die Möglichkeit eines Atomkriegs aufgrund eines sowjetischen Computerfehlers im Herbst 1983, dem „gefährlichsten Jahr des Kalten Krieges“ (Georg Schild)6, sei es eine problematische Annahme, der Kalte Krieg und ein Gleichgewicht des Schreckens hätten „funktioniert“. Vielmehr habe man in einem eher gewagten Spiel „schlichtweg Glück gehabt“. Beide Seiten hätten immer wieder versichert, „einen Atomkrieg führen zu können, aber nicht beginnen zu wollen“ (S. 44f.). „Konfrontation und Kooperation, Drohung und Diplomatie, Ängste und Überlebenswille“ hätten willentlich oder zufällig ineinandergegriffen. Daran anknüpfend versucht Claudia Kemper die Konfliktkultur des Kalten Krieges als ein „umfassendes Kommunikationssystem“ und als „antagonistische Kooperation“ zu beschreiben (S. 45, S. 48ff.). Historisch-analytisch zutreffen dürfte dies für die von John F. Kennedy, Egon Bahr und Willy Brandt eingeleitete Phase der Entspannungspolitik, wie für die von Michael Gorbatschow mit dem „mittlerweile redebereiten“ (S. 56) Ronald Reagan erfolgreich abgeschlossenen, weitreichenden Abrüstungsverhandlungen.7 Insgesamt trägt das Konzept von Claudia Kemper jedoch nur dazu bei, Teilbereiche und Teilaspekte aus der Geschichte des Kalten Krieges besser zu erfassen und zu erklären.8

Von den weiteren Beiträgen sei die Behandlung der Mediation als „professionelles Konfliktbehandlungsverfahren“ und als Ausdruck „konstruktiver Konfliktkultur“ durch den Psychologen und Pädagogen Alexander Redlich angeführt und aufgegriffen. Dieser nimmt auf kommunale Konfliktarbeit in „gespaltenen Gesellschaften“ wie etwa Zypern, Ukraine, Moldau und Georgien Bezug (S. 143). Dabei geht es ihm darum aufzuzeigen, wie eine Mediation von alltäglichen Konflikten im Kontext politischer Spannungen und Spaltungen verlaufen kann.

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Empfohlene Zitierweise:

Norbert Fabian, Rezension zu: Thurau, Markus (Hrsg.): Konfliktkulturen in Geschichte und Gegenwart Göttingen 2024, in: H-Soz-Kult, 17.04.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-150369.