Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung von Christoph Nübel, Abteilung Forschung, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
 

An eines kann sich die Menschheit offenbar nicht gewöhnen, auch wenn es zu ihrem festen Handlungsrepertoire gehört: Krieg. „Wozu sind Kriege da?“, fragte Udo Lindenberg 1981 in einem Song, der gleich zu Beginn des Ukrainekrieges 2022 von Kinderliedermachern neu aufgenommen wurde. Die Wiederkehr der schmalzigen Ballade verweist darauf, dass kollektive und organisierte Gewaltereignisse großen Erklärungsbedarf haben und daher immer wieder thematisiert werden müssen, auch in der Populärkultur. Während die friedensbewegte öffentliche Debatte zuweilen von Unterkomplexität und Emotionalität geprägt ist, legten Anthropologie, Historiografie oder Politologie zuletzt zahlreiche Erklärungsansätze zum Phänomen Krieg vor, das heute wieder von drängender Aktualität ist.

Man darf gespannt sein, wenn man mit Michael Manns „Über Kriege“ einen soziologischen Debattenbeitrag zur Hand nimmt, verspricht der Autor doch, die „konzeptionelle Strenge“ seines Fachs mit „empirischer Realität“ – sprich, der Vielfalt historischer Ereignisse – zu konfrontieren (S. 12). Damit lässt sich der Band im Kontext der jüngeren Diskussion um eine Historische Soziologie lesen. Da der Titel unübersehbar Clausewitz‘ „Vom Kriege“ aufgreift und sich damit in die Nähe dieses magistralen Referenzwerkes rückt, sind überdies Einblicke von militärgeschichtlicher Relevanz zu erwarten – zumal Mann sogar versucht, eine „allgemeine Kriegstheorie“ aufzustellen (S. 72).

Mit dem Band ergänzt der Doyen einer Soziologie der Macht sein vierbändiges Hauptwerk, das „The Sources of Social Power“ nachspürt. Mann unterschied hier ideologische, wirtschaftliche, politische und eben militärische Macht, deren Zusammenhänge und Verwicklungen er im vorliegenden Band auf das Extremereignis Krieg bezieht. Er durchschreitet mehr als 2000 Jahre Menschheitsgeschichte und prüft dabei die Leitfragen, weshalb Menschen Krieg als Handlungsoption wählten, inwiefern Kriege rational waren und weshalb Soldaten kämpften.

In den ersten drei Kapiteln breitet Mann sein Instrumentarium aus. Er unternimmt eine grundlegende Kartierung seines Themas, indem er Kriegsgründe typisiert, Kriegstheorien diskutiert, Schlüsselbegriffe definiert und die globale Varianz von Kriegen aufzeigt. Hier deutet Mann bereits an, dass er der Theorie des Realismus, die Staaten als auf Macht und Absicherung bedachte Akteure im unsicheren internationalen System betrachtet, wenig abgewinnen kann. Die Ausbildung von Staaten erhöhte den sozialen Organisationsgrad und machte damit Kriege erst möglich, die Mann als letale Konflikte einer gewissen Größe begreift. Er lehnt sich dabei an die Definition des politikwissenschaftlichen „Correlates of War Project“ an, das die Schwelle eines Krieges auf mindestens 1.000 Tote pro Jahr festlegt. Mann ist sich aber der Unzulänglichkeiten einer rein numerischen Kriegsdefinition bewusst. In den folgenden Kapiteln kommt er immer wieder auf ihre Probleme zurück, darunter die Vernachlässigung der Zahl getöteter Nichtkombattanten, die Signifikanz von Krankheiten und Hungersnöten oder die asymmetrische Gewalt, vor allem in den Kolonien.

Anschließend diskutiert Mann in den Kapiteln 4–9 an den Beispielen Rom, China, Japan, Europa und Süd- und Mittelamerika die Rahmenbedingungen und Abläufe der Entscheidung für den Krieg. Afrika bildet kein eigenes Kapitel, es ist aber mehrfach in die Analyse einbezogen. Insgesamt breitet Mann eine überbordende Fülle von Material aus, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen Epochen, Räumen und Kulturen zu benennen. Die Römische Republik bezeichnet er als militaristisch, da ihre Sozial- und Wirtschaftsstruktur ganz auf Eroberungskriege ausgerichtet gewesen sei. Die Zeit der Streitenden Reiche in China (475–221 v.u.Z.) mochte noch zur realistischen Theorie passen, wobei sich zeitgenössische Denker wie Sun Zi oder Sun Bin bereits mit der Analyse von Kriegsgründen beschäftigten. Dass es in Südamerika, vor allem aber im kaiserlichen China wie in Japan längere Friedensperioden gab, in der die Wirtschaft aufblühte, verweist indes darauf, dass es durchaus Alternativen zum Krieg gab. In Europa hingegen gab es keinen Hegemon, sondern eine Kirche, deren Bellizismus kulturprägend war. Nach den Religionskriegen erlebte der Kontinent mit den revolutionär-nationalistischen des 19. und schließlich den weltanschaulich aufgeladenen Kriegen des 20. Jahrhunderts drei ideologische Kriegswellen.

Im für das Thema notwendigen, aber weniger Neues bietenden 10. Kapitel untersucht Mann die Frage, ob es zu einem Rückgang des Krieges kam, wie liberale Theoretiker, darunter Azar Gat oder Steven Pinker, meinen. Kundig und kritisch durchleuchtet Mann die Zahlenkolonnen und zeigt, dass die häufig auf den Westen fokussierenden Theorien im globalen Rahmen an Erklärungskraft verlieren. Es gibt hier also keinen Fortschritt, jede Gesellschaft muss sich erneut mit der Kriegsprävention und -einhegung auseinandersetzen.

Anschließend nimmt Mann einen Perspektivwechsel vor und diskutiert in den folgenden drei Kapiteln, weshalb Soldaten kämpften und wie sie mit den damit verbundenen extremen Erfahrungen umgingen. Auch hier spannt er einen weiten Bogen vom antiken Rom über den US-Bürgerkrieg und die Weltkriege bis nach Korea und Vietnam. Ausführlich diskutiert er, inwieweit Zwang oder Zustimmung die Soldaten kämpfen ließen – insbesondere hier machen sich französische Forschungsdebatten bemerkbar – und welche Rolle Primärgruppen dabei spielten. Mann, der die zuletzt intensiv diskutierte Rolle von Organisationen für militärisches Gewalthandeln nachgeordnet behandelt, bezeichnet die Ideologie als entscheidenden Faktor für den Einsatz sozialistischer Armeen und der Wehrmacht. Überhaupt attestiert er autoritären Staaten eine höhere „Kampfmoral“ als Demokratien (S. 51). Allerdings übertreibt Mann die Auswirkungen einer systematischen Ideologisierung der Wehrmacht, unter anderem durch die Nationalsozialistischen Führungsoffiziere, die ja erst 1943 eingeführt wurden. Hier wird erkennbar, dass die Fülle an Beispielen zu Verkürzungen und Generalisierungen zwingt, wenig Raum für Schattierungen lässt und zuweilen Ungenauigkeiten verursacht. Auch die Darstellung des Stellungskrieges im Ersten Weltkrieg gerät eher klischeehaft. Insgesamt erkennt Mann „vier säkulare Trends“ (S. 540), nämlich einen stetig steigenden Munitionsaufwand bei abnehmender Trefferquote, eine Auflösung einst geordneter Formationen, eine Zunahme psychischer Versehrungen sowie die vermehrte Tötung von Zivilisten. Diese Trends ließen sich, zumindest für die Neuzeit, noch um Technisierung und die Massenmobilisierung ergänzen.

In den Kapiteln 14 und 15 widmet sich Mann den westlichen Interventionskriegen in der muslimischen Welt und den gegenwärtigen Konfliktherden Russland/Ukraine, China/Taiwan und in der Levante. Hier spart Mann, der sich bereits in früheren Publikationen kritisch zur US-Politik geäußert hat, nicht an scharfen Positionierungen. In den US-Interventionen nach 9/11, die kaum Rücksicht auf die internationale Ordnung nahmen, erkennt er „Angriffskriege“ (S. 572), die die Lage vor Ort regelmäßig eskalierten. Israels Vorgehen gegen die Palästinenser bezeichnet Mann, der natürlich um die Problematik des Begriffes weiß, sogar als „Staatsterrorismus“ (S. 551).

Als Historiker nimmt man das Buch mit Gewinn zur Hand, wird die im riesigen Stoff sichtbar werdenden Logiken teils allerdings auch anders betrachten wollen. Da ist zunächst die Irrationalität des Krieges, die Mann wiederholt hervorhebt, während die Geschichte eher nach den Mustern forscht, mit denen der Krieg in zeitgenössischer Sicht seine ihm eigene Rationalität erhielt. Weiterhin ist aus historischer Sicht fraglich, inwieweit sich Manns analytische Großkonzepte wie Militarismus oder Staatlichkeit auf alle Epochen seit der Antike gleichermaßen anwenden lassen. Sie sollen Vergleichbarkeit herstellen, verdecken aber doch zugleich profunde Unterschiede zwischen den Räumen, Zeiten und Gesellschaften. Hier zeigt sich, dass die Soziologie, wie zuletzt von Wolfgang Knöbl am Beispiel der Verwendung von Prozessbegriffen in sozialwissenschaftlichen Analysen historischen Wandels beschrieben, einer differenzierten Terminologie bedarf, um zu übergreifenden Erkenntnissen zu gelangen.

 
Christoph Nübel, Rezension zu: Mann, Michael: Über Kriege. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff / Michael Bischoff / Laura Su Bischoff. Hamburg 2024, in: H-Soz-Kult, 27.02.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-140642.