Sammelrezension: Woodrow Wilson und der amerikanische Internationalismus

Lloyd E. Ambrosius, Woodrow Wilson and American Internationalism, Cambridge : CUP 2017.

Trygve Throntveit, Power Without Victory. Woodrow Wilson and the American Internationalist Experiment, Chicago: UPC  2017.

Tony Smith, Why Wilson Matters. The Origin of American Liberal Internationalism and Its Crisis Today, Oxford: OUP  2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Marcus M. Payk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

Nachdem das außenpolitische Establishment der USA in den ersten Monaten nach dem Wahlsieg von Donald Trump in einen Zustand aufgeregter, teils hysterischer Konfusion verfallen war, ist inzwischen wieder ein wenig Ruhe eingekehrt, wenngleich es vermutlich nur die Ruhe der Erschöpfung ist. Die Diskussion über die Implikationen und Konsequenzen der Trump-Administration für die internationalen Beziehungen hat aber längst begonnen und damit auch die Auseinandersetzung, ob es derzeit überhaupt eine amerikanische Außenpolitik gibt, welche diesen Namen verdient. [1] Daran mag man zwar angesichts der aus diplomatischer Ungeschicklichkeit und Unkenntnis, selbstinduzierten Handlungszwängen und einer notorischen Lust am Tabubruch erfolgten Verunsicherung der internationalen Ordnung berechtigte Zweifel haben. Doch es dürfte ohnehin Konsens darin bestehen, dass sich Trump kaum als ideologisch gebundener und programmatisch angeleiteter Präsident greifen lässt, sondern weit eher als „postmodern warlord“ [2] mit instinktsicherem Machtopportunismus.

Das war einmal anders, und unter den US-Präsidenten mit starken (außen-)politischen Überzeugungen nimmt Woodrow Wilson (1856–1924) zweifelsohne einen herausgehobenen Platz ein. „Wilson towers above the landscape of modern American foreign policy like no other individual, the dominant personality, the seminal figure“, heißt es in einer jüngeren Einführung. [3] Dass seine Präsidentschaft zuletzt wieder stärker in den Blick geraten ist, liegt allerdings weniger an dem unorthodoxen Politikstil Trumps und auch nicht an dem allfälligen Gedenken an den amerikanischen Kriegseintritt 1917, sondern in erster Linie an den Debatten über die Ausrichtung der amerikanischen Außenpolitik im frühen 21. Jahrhundert. Vor allem der Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 ist untrennbar mit einem Disput über Vorbild und Schreckbild eines Wilsonianism verbunden. „Was George W. Bush the heir of Woodrow Wilson?“ [4], so wurde beispielsweise gefragt, und nicht selten bündelte sich in der Figur Wilsons damit das keineswegs nur historische Problem, inwieweit sich die USA auf ein Recht, gar auf eine Pflicht zur Demokratisierung anderer Länder berufen könnten. Dass der einstige Politikprofessor seine Außenpolitik zuerst als Theoretiker, Dogmatiker und Doktrinär der Demokratie betrieben habe, hört man jedenfalls oft, auch wenn die jüngere Forschung längst seine pragmatische Offenheit, seine unbestimmten Politikvorstellungen wie sein Zaudern herausgearbeitet hat. weiterlesen

[1] Brent D. Griffiths, Trump’s approach is hurting the US, foreign policy experts say, in: Politico, 14.5.2018, <https://www.politico.com/story/2018/05/14/trump-foreign-policy-damage-588030> (30.5.2018). Siehe demnächst auch Robert Jervis u.a. (Hrsg.), Chaos in the Liberal Order. The Trump Presidency and International Politics in the Twenty-First Century, New York 2018 (i.E).
[2] Michelle Goldberg, Affirmative Action for Reactionaries, in: New York Times, 30.3.2018, <https://www.nytimes.com/2018/03/30/opinion/affirmative-action-diversity.html> (30.5.2018).
[3] George C. Herring, Years of Peril and Ambition. U.S. Foreign Relations, 1776–1921, Oxford 2017, S. 369.
[4] John G. Ikenberry, Introduction, in: ders. u.a. (Hrsg.), The Crisis of American Foreign Policy. Wilsonianism in the Twenty-First Century, Princeton 2009, S. 1–24, hier: S. 1.

Empfohlene Zitierweise
Marcus M. Payk: Rezension zu: Ambrosius, Lloyd E.: Woodrow Wilson and American Internationalism.Cambridge  2017 / Throntveit, Trygve: Power Without Victory. Woodrow Wilson and the American Internationalist Experiment. Chicago  2017 / Smith, Tony: Why Wilson Matters. The Origin of American Liberal Internationalism and Its Crisis Today. Oxford  2017 , in: H-Soz-Kult, 07.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28118>.