Sammelrezension: Neue Forschungen zum Kalten Krieg

Matthew Grant / Benjamin Ziemann (Hg.), Understanding the imaginary war. Culture, thought and nuclear conflict, 1945–90, Manchester: MUP 2016.

Urs Heftrich u.a. (Hg.), Images of Rupture between East and West. The Perception of Auschwitz and Hiroshima in Eastern European Arts and Media, Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2016.

Konrad H. Jarausch u.a. (Hg.), The Cold War. Historiography, Memory, Representation, Berlin: de Gruyter 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jan Hansen, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

Nach wie vor zählt die Geschichte des Kalten Krieges zu den intensiv erforschten Gebieten der Neuesten Geschichte. Dies liegt auch daran, dass im Kalten Krieg viele Fundamente gelegt wurden, die wir untersuchen müssen, wenn wir unsere Gegenwart verstehen wollen. Ein neuerer internationaler Trend geht dahin, den Kalten Krieg nicht länger nur als Epoche zu begreifen, die mit klar umrissenen zeitlichen Grenzen ein Raster für die Periodisierung des 20. Jahrhunderts bietet. So analysieren insbesondere jüngere Historikerinnen und Historiker den Kalten Krieg nunmehr als Quellenbegriff und bringen zum Vorschein, dass er für einen Modus der Weltbeschreibung und Weltdeutung stand und also konstitutiv war für die Herstellung von sozialer Ordnung.[1]

Auch die drei hier zu besprechenden Sammelbände können in diese Forschungsrichtung eingeordnet werden. Ihnen ist gemeinsam, dass sie erstens mit fluiden Temporalisierungen arbeiten, das heißt Anfang und Ende des Kalten Krieges abhängig von der Fragestellung flexibel setzen. Zweitens ist diesen drei Bänden eine weite räumliche Perspektive gemeinsam: Sie beschränken sich nicht auf Europa und Nordamerika als den klassischen Austragungsorten des Ost-West-Konflikts, sondern schließen beispielsweise auch asiatische Länder mit ein. Ihr Interesse ist, und das mag ein dritter Berührungspunkt sein, auf die Wahrnehmung, Repräsentation und Erinnerung des Kalten Krieges gerichtet. Mit anderen Worten: Der Kalte Krieg wird in allen drei Bänden als etwas vorgestellt, dass sich in den Köpfen der Zeitgenossen ereignete. Er wird als ein Konflikt gedeutet, der bewältigt werden musste – sei es durch rüstungskontrollpolitische Friedenssicherung oder durch psychologisch-mentale Verarbeitung erlebter und antizipierter Schrecken.

Der Kalte Krieg war also ein imaginärer Krieg. Er wurde nicht auf den Schlachtfeldern ausgetragen. Stattdessen beruhte er auf Simulationen, Fiktionen und hypothetischen Annahmen. Wie wahrscheinlich und wie folgenschwer ein Atomkrieg sei, war das zentrale Problem, um das es ging. Gleichzeitig war er auch ein Krieg gegen die Imagination. Denn er zwang allen Beteiligten den – kontraintuitiven – Gedanken auf, dass die Vorbereitung auf eine atomare Vernichtung des Gegners zum Frieden führte. Der Kalte Krieg als imaginärer Krieg beruhte auf der Prämisse, dass die Vorstellung einer totalen Zerstörung untrennbar verbunden war mit Freiheit, Sicherheit und Wohlstand – auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Das sind die beiden zentralen Thesen des von Matthew Grant und Benjamin Ziemann herausgegebenen Sammelbandes „Understanding the Imaginary War: Culture, Thought and Nuclear Conflict, 1945–90“. weiterlesen

[1] Bei der Herstellung von sozialer Ordnung ist vom politischen und wirtschaftlichen Bereich über den Alltag, die Populärkultur bis zum Schulunterricht an nahezu jedes gesellschaftliche Teilsystem zu denken.

Empfohlene Zitierweise
Jan Hansen: Rezension zu: Grant, Matthew; Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Understanding the imaginary war. Culture, thought and nuclear conflict, 1945–90. Manchester 2016 / Heftrich, Urs; Jacobs, Robert; Kaibach, Bettina; Thaidigsmann, Karoline (Hrsg.): Images of Rupture between East and West. The Perception of Auschwitz and Hiroshima in Eastern European Arts and Media. Heidelberg 2016 / Jarausch, Konrad H.; Ostermann, Christian F.; Etges, Andreas (Hrsg.): The Cold War. Historiography, Memory, Representation.Berlin 2017 , in: H-Soz-Kult, 04.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26896>.