Rezension: Thomas R. Grischany, Die Integration der Österreicher in die Wehrmacht

Thomas R. Grischany, Der Ostmark treue Alpensöhne. Die Integration der Österreicher in die großdeutsche Wehrmacht, 1938–45, Göttingen: V&R unipress 2015.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Magnus Koch, Hamburg.

Mit der sogenannten Opferthese ergriffen die österreichischen Eliten nach 1945 die Gelegenheit, die eigene Bevölkerung von der in den Jahren zuvor gezeigten großen Zustimmung zur NS-Bewegung und dem „großdeutschen“ Kriegsprojekt frei zu sprechen und das Land stattdessen als „erstes Opfer“ der nationalsozialistischen Aggression in Europa darzustellen. Die Vorlage dieses von den Alliierten unterstützten Projekts lieferte die „Moskauer Deklaration“ von 1943, die eben dies proklamierte. Allerdings weniger weil man es dort nicht besser gewusst hätte, sondern um die (österreichisch-patriotischen) Widerstandskräfte im Land gegen den NS zu aktivieren. Thomas Grischany liefert mit seiner Studie über die Integration österreichischer Soldaten in die Wehrmacht einen wichtigen Beitrag, um die große Nähe zum „großdeutschen“ Projekt und die verbreitete Sehnsucht nach dem Aufgehen in einer „bewaffneten Volksgemeinschaft“ aufzuzeigen. Für diese zentrale soziale Gruppe liefert der Autor umfassende Belege dafür, dass die Österreicher in der Wehrmacht „sich vom Verhalten der Kameraden aus dem Altreich praktisch nicht“ abgehoben hätten, dass sie bis Kriegsende „loyal und entschlossen“ kämpften, sich an den NS-Verbrechen ebenso unterschiedslos beteiligten und sich auch in der niedrigen Rate von Verweigerung und Widerstand keinerlei Gegensätze finden ließen (S. 18).

Grischany strukturiert seine Argumentation in sechs chronologisch angelegte Kapitel, in dem er zunächst die Vorgeschichte der deutsch-österreichischen Beziehungen und Konflikte auf militärischem Gebiet von den Schlesischen Kriegen bis Ende des Ersten Weltkrieges in den Blick nimmt und sodann das Verhältnis von „Ostmärkern“ und „Reichsdeutschen“ zwischen 1938 und 1945 (und nach Kriegsende) abhandelt. Im dritten Kapitel schiebt der Autor einige grundsätzliche Reflexionen über die „bewaffnete Volksgemeinschaft im Krieg“ ein.

Als wichtigste Grundlage für die späterhin festgestellte reibungslose Integration des Bundesheeres der Ersten Republik in die Wehrmacht macht Grischany das gemeinsame „Fronterlebnis“ von k.u.k-Soldaten und reichsdeutschen Truppen im Ersten Weltkrieg fest. Dass im Zusammenhang mit der „Grabengemeinschaft“ auch das völkische Prinzip an Attraktion gewonnen und die Durchsetzung ziviler Ordnungen erschwert hätten, wertet der Autor zurecht als idealen Nährboden für das Aufgehen der österreichischen Streitkräfte in der Wehrmacht. Ein früherer (in Österreich weithin populärer) „Anschluss“ war von den Alliierten nach Kriegsende noch verhindert worden. In der Zwischenkriegszeit sei zwar der Anteil der Mitglieder des (illegalen) nationalsozialistischen Soldatenrings im Bundesheer recht klein gewesen, hätte aber über eine große Zahl an Sympathisanten verfügt. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Magnus Koch: Rezension zu: Grischany, Thomas R.: Der Ostmark treue Alpensöhne. Die Integration der Österreicher in die großdeutsche Wehrmacht, 1938–45. Göttingen 2015 , in: H-Soz-Kult, 26.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24611>.