Rezension: Thomas Müller u.a. (Hg.), Das Denkmal der Grauen Busse

Thomas Müller / Paul-Otto Schmidt-Michel / Franz Schwarzbauer (Hg.), Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Das Denkmal der Grauen Busse, Zwiefalten:  Psychiatrie und Geschichte 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jasmin Nicklas, Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte, Universität des Saarlandes.

Psychischen Erkrankungen haftet auch im 21. Jahrhundert ein negatives Stigma an. Die betroffenen Menschen haben weiterhin mit Vorurteilen zu kämpfen – trotz der zunehmenden medialen Präsenz von seelischen Leiden. Auch in der wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen spielten die Morde – im Rahmen der „Aktion T4“ und der „dezentralen Euthanasie“ – an psychisch Kranken oder als solche deklarierten Personen bis in die 1980er-Jahre hinein eine untergeordnete Rolle. Umso wichtiger sind daher Publikationen, in deren Zentrum die Erinnerungsarbeit an diese Gräueltaten sowie deren zaghafte Aufarbeitung in der Nachkriegszeit stehen.

„Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit – Das Denkmal der Grauen Busse“ trägt einen entscheidenden Mehrwert zum Aufarbeitungsdiskurs über die (anfangs) vergessenen Opfer des Nationalsozialismus bei. Der Sammelband, den Thomas Müller, Paul-Otto Schmidt-Michel und Franz Schwarzbauer herausgegeben haben, ist ein Kooperationsprojekt der historischen Forschungsabteilung des Zentrums für Psychiatrie Südwürttemberg (ZfP) und des Kulturamtes der Stadt Ravensburg. Bereits die Zusammensetzung des Herausgebergremiums – Müller ist Leiter der historischen Forschungsabteilung am ZfP, Schmidt-Michel war früherer ärztlicher Direktor des ZfP, Schwarzbauer arbeitet als Amtsleiter des Kulturamtes der Stadt Ravensburg – spiegelt die verschiedenen Blickwinkel wider, aus denen das Thema behandelt wird.

Im Fokus der Veröffentlichung steht das am 27. Januar 2007 errichtete und von Horst Hoheisel und Andreas Knitz entworfene „Denkmal der Grauen Busse“: Die äußere Form des Denkmals entspricht den Transportbussen der „Gemeinnützigen Krankentransport GmbH“ (GeKrat), die zwischen 1940 und 1941 Psychiatriepatienten aus Heil-und Pflegeanstalten in die Gaskammern der sechs zentralen Tötungszentren der „Aktion T4“ (Grafeneck, Bernburg, Hartheim, Pirna, Brandenburg und Hadamar) verschleppten. Die in Beton gegossene Erinnerungsfigur ist zweigeteilt: Ein festinstallierter Bus versperrt die ehemalige Hauptzufahrt der Heil- und Pflegeanstalt Weissenau. Der zweite Teil des Denkmals, der in Form und Gewicht mit dem ersten Bus übereinstimmt, reist durch die Bundesrepublik, um die Erinnerung an die Geschichte der Ermordeten und ihrer Mörder wachzurütteln. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Jasmin Nicklas: Rezension zu: Müller, Thomas; Schmidt-Michel, Paul-Otto; Schwarzbauer, Franz (Hrsg.): Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit. Das Denkmal der Grauen Busse. Zwiefalten 2017 , in: H-Soz-Kult, 18.01.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28351>.