Rezension: Stefan M. Brenner, Die NATO im griechisch-türkischen Konflikt 1954 bis 1989

Stefan Maximilian Brenner, Die NATO im griechisch-türkischen Konflikt 1954 bis 1989, Berlin: De Gruyter Oldenbourg 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Martin Albers, Hamburg.

Die Südostflanke Europas steht momentan im Zentrum gleich mehrerer Krisen. Von der noch immer weitgehend ungelösten griechischen Schuldenkrise über das Verhältnis der EU zur Türkei bis hin zu den hochkomplexen Konflikten an der türkischen Süd- und Ostgrenze und dem erzwungenen Abzug der Bundeswehr vom Stützpunkt in Incirlik im Jahr 2016. Diese Krisen stellen nicht zuletzt die NATO als eine tragende Säule westeuropäischer Stabilität und Sicherheit vor enorme Herausforderungen. Dementsprechend groß ist die aktuelle Relevanz der Studie von Stefan Maximilian Brenner zum Umgang des atlantischen Bündnisses mit dem griechisch-türkischen Konflikt.

Brenner behandelt die Entwicklung des Konflikts aus Sicht der NATO über die gesamte Dauer des Kalten Krieges. Dabei geht er den Fragen nach, wie die Organisation auf die Gefahr eines bewaffneten Konflikts zwischen zwei ihr eigenen Mitglieder reagierte und inwiefern sie einen Beitrag zur Friedenssicherung leisten konnte. Damit knüpft er an mehrere Stränge der Zeitgeschichte an. Dies gilt etwa für die neuere Geschichte des Kalten Krieges, die verstärkt die Peripherien des Blockkonflikts in den Blick nimmt. [1] Aber auch die Geschichtsschreibung internationaler Governance bietet zahlreiche Bezüge zum Thema. [2] Und schließlich merkt man dem Autor auch immer wieder die Prägung einer kritischen und international ausgerichteten Militärgeschichte an. Dass Brenner die Verortung in den aktuellen Entwicklungen der Zeitgeschichte wenig reflektiert, erscheint vor diesem Hintergrund schade, hätte man doch gern gewusst, wo der Autor selbst seine Dissertation verortet. Es schmälert jedoch keineswegs seine wissenschaftliche Leistung. Die Studie behandelt nicht nur sehr detailliert einen für eine Dissertation vergleichsweise langen Zeitraum, sondern greift dafür auch auf eine Fülle von Archiven in fünf Staaten zurück. Aufgrund einer restriktiven Freigabepolitik konnte der Autor dabei nur wenige Quellen aus dem NATO-Archiv in Brüssel einsehen. Dieses Problem löste Brenner, indem er zahlreiche Quellen in amerikanischen, britischen, französischen und deutschen Archiven fand, die einen sehr umfassenden Eindruck der Debatten innerhalb des Nordatlantikpakts vermitteln. Damit demonstriert er auf hervorragende Weise, was internationale Zeitgeschichte unter Nutzung multinationaler Archive zu leisten vermag. Dass offenbar keine Möglichkeit bestand, Primärquellen aus den Staaten, um die es primär geht – Türkei, Griechenland und Zypern – zu nutzen, fällt da kaum ins Gewicht. Etwas überraschender ist schon, dass der Autor zwar auch auf die publizierten Akteneditionen der meisten großen NATO-Länder zurückgreift, aber ausgerechnet die Documents on British Policy Overseas außen vorlässt. [3] Angesichts der sehr umfangreichen und präzisen Verwendung von Archivquellen ist diese Auslassung jedoch zu vernachlässigen. weiterlesen

[1] Hierzu noch immer wegweisend: Odd Arne Westad, The Global Cold War: third world interventions and the making of our times, Cambridge 2007.
[2] Siehe z.B. Mark Mazower, Governing the world: the history of an idea, 1815 to the present, New York 2013.
[3] Siehe insbesondere Keith Hamilton / Patrick Salmon (Hrsg.), The Southern flank in crisis, 1973–1976, London 2006.

Empfohlene Zitierweise
Martin Albers: Rezension zu: Brenner, Stefan Maximilian: Die NATO im griechisch-türkischen Konflikt 1954 bis 1989. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 15.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28606>.