Rezension: Sina Arnold, Das unsichtbare Vorurteil

Sina Arnold (Hg.),  Das unsichtbare Vorurteil. Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11, Hamburg: HIS Verlag 2016.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Richard Rohrmoser, Historisches Institut, Universität Mannheim.

„Google: Jewish Billionaires”, „Humanity vs. the Rothschilds” oder „Its Yom Kippur – banks should atone” – diese Slogans standen auf Plakaten der Occupy Wall Street-Bewegung im New Yorker Zuccotti-Park im Jahre 2011 und mischten den Protesten gegen den Finanzkapitalismus eindeutig antisemitische Ressentiments bei.[1] Diese Vorfälle machten ferner evident, dass auch in den USA ein polarisierendes Verhältnis zwischen linken Bewegungen und Antisemitismus existiert, dessen weitere historische Aufarbeitung und politische Analyse ein Desiderat sowohl der Antisemitismus- als auch der sozialen Bewegungsforschung darstellt. In ihrer 2016 veröffentlichten Dissertationsschrift beschäftigt sich Sina Arnold mit dem Konnex zwischen linksalternativem Spektrum und Antisemitismus. Dieser erreichte in den Vereinigten Staaten am Beginn des 21. Jahrhunderts – im Zuge von 9/11, antimuslimischem Rassismus, dem „Krieg gegen den Terror“ und der Finanzkrise – einen neuen Höhepunkt und firmiert seitdem unter der Bezeichnung „Neuer Antisemitismus“ in der Antisemitismusforschung.

Durch die scharfsinnige Analyse von 30 qualitativen Interviews mit Aktivist/innen aus der Antikriegs-, der Occupy Wall Street-, der propalästinensischen- und der „israelkritischen jüdischen Diaspora-Bewegung“ sowie der Auswertung von zwölf Expert/innen-Gesprächen kommt Arnold zu der Schlussfolgerung, dass einerseits manifeste antisemitische Stereotype zwar nicht repräsentativ für die gegenwärtige US-amerikanische Linke sind; andererseits konstatiert sie unmissverständlich, dass linke Bewegungen die vereinzelten offenkundig antisemitischen Ressentiments aus den eigenen Reihen oftmals trivialisieren – ein Phänomen, das Antisemitismusforscher/innen als „antisemitische Indifferenz“ (S. 137) bezeichnen. Die methodisch anspruchsvolle und in gendersensibler Sprache verfasste Studie besticht allerdings nicht nur durch eine differenzierte Interpretation der Interviews, sondern auch durch ihre durchdachte Struktur, die verständliche Erklärung theoretischer Konzepte und die verdichtete Darstellung der jeweils relevanten historisch-politischen Kontexte. weiterlesen

[1] Vgl. Lena Gorelik, „Man wird doch noch mal sagen dürfen…“. Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 28–30 (2014), http://www.bpb.de/apuz/187410/antisemitismus-in-hoch-und-populaerkultur?p=all(01.02.2017)

Empfohlene Zitierweise
Richard Rohrmoser: Rezension zu: Arnold, Sina (Hrsg.):  Das unsichtbare Vorurteil. Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/11. Hamburg 2016 , in: H-Soz-Kult, 07.03.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27070>.