Rezension: Robert Gerwarth, Die Besiegten

Robert Gerwarth, Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs, München: Siedler 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jochen Böhler, Imre Kertész Kolleg Jena.

Die historische Forschung zum Ersten Weltkrieg hat sich in der jüngeren Vergangenheit neu erfunden, und das nicht erst mit dem hundertsten Jahrestag seines Ausbruchs und einer medienwirksam durch Christopher Clarks ‚Schlafwandler‘ eingeleiteten Publikationswelle von Größen des Faches zu den Jahren 1914–1918.[1] Es ist gerade eine jüngere Generation, die den (lange Zeit vom Zweiten überschatteten) Ersten Weltkrieg für sich entdeckt hat. Für eine internationale und ständig wachsende Expertengemeinschaft publizieren sie etwa Artikel in der 2010 ins Leben gerufenen Zeitschrift ‚First World War Studies‘ der gleichnamigen Gesellschaft oder Monographien in der Serie ‚The Greater War‘ bei Oxford University Press. Während erstere sich durch innovative Studien auch zur Kultur-, Sozial oder Literaturgeschichte des „Großen Krieges“ auszeichnen, hat sich letztere zur Aufgabe gemacht, dessen bisherige Wahrnehmung räumlich und zeitlich zu erweitern. Sie nimmt gezielt auch die Jahre vor 1914 und nach 1918 in den Blick, untersucht den Krieg in bisher eher vernachlässigten regionalen sowie in globalen Zusammenhängen und liefert damit neue Interpretationsansätze.

Im Herbst vergangenen Jahres hat der Herausgeber dieser Serie, der am University College Dublin lehrende Direktor des dortigen ‚Centre for War Studies‘ Robert Gerwarth, selber eine englischsprachige Monographie vorgelegt, die nun pünktlich vor den Zentenarien der Russischen Revolution 1917, des Waffenstillstandes 1918 und der Pariser Vorortverträge 1919 auch auf Deutsch erschienen ist. Der Buchtitel benennt dabei – mit der düsteren Beschwörung eines „blutigen Erbes“ etwas effekthascherischer als die Originalausgabe [2] – bereits die beiden Leitmotive. Im Zentrum der Betrachtung stehen zum einen die Verlierer des Ersten Weltkriegs, wobei Gerwarth hier breiter als üblich ansetzt, zählt er doch zu ihnen neben den Mittelmächten unter anderen auch Italien und Griechenland: Beide befanden sich zwar 1918 bekanntermaßen auf Seiten der Sieger, empfanden den Kriegsausgang jedoch eher als Niederlage, hier aufgrund enttäuschter Gebietsansprüche (Gabriele d’Annunzio prägte dafür den Begriff des „verstümmelten Sieges“ – vittoria mutilata), dort aufgrund des verlorenen Nachfolgekrieges gegen den türkischen Nachbarn (1919–1922). Zum anderen war der „Große Krieg“ für ihn tatsächlich „größer“, denn er endete eben nicht überall, wie hierzulande oftmals angenommen, im November 1918. Das von verschiedenen Wellen paramilitärischer Gewalt heimgesuchte Mittel-, Ost- und Südosteuropa zwischen 1917 und 1923 ist der eigentliche Schauplatz des Buches. weiterlesen

[1] Christopher M. Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013; Oliver Janz, 14. Der große Krieg, Frankfurt am Main 2013; Jörn Leonhard, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs, München 2014.
[2] Robert Gerwarth, The Vanquished. Why the First World War Failed to End, 1917–1923, London 2016.

Empfohlene Zitierweise
Jochen Böhler: Rezension zu: Gerwarth, Robert: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs.München 2017 , in: H-Soz-Kult, 26.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25836>.