Rezension: Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion

Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer GewaltMünchen: C.H. Beck 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Kevin Lenk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

Wenige Bücher wagen gleich zum Auftakt den Sprung in die scheinbare Paradoxie. Petra Terhoevens in der Reihe Beck-Wissen erschienener Überblicksband zur Geschichte und Nachgeschichte der RAF allerdings schon. Die Göttinger Inhaberin des Lehrstuhls für Europäische Kultur- und Zeitgeschichte, die in diesem Themengebiet auch ihre Habilitation verfasst hat, eröffnet ihr pünktlich zum 40. Jubiläum des „Deutschen Herbstes“ erschienenes Buch mit Walter Laqueurs irritierter Feststellung über die Rote Armee Fraktion: „Selten ist so viel über so wenige geschrieben worden“. (S. 7) Terhoeven nimmt den Leser daraufhin auf einen Sprint durch die Geschichte der RAF mit, jedoch – und hier endet das Paradoxe ihres erneuten Anlaufes – nicht als eine weitere Nacherzählung, sondern mit dem Anspruch, die RAF in ihren historischen Zusammenhängen zu verstehen. Motiviert ist sie vor allem dadurch, dass vieles, was gerade jubiläumsbedingt über die Wenigen geschrieben wurde, historische Tiefenschärfe vermissen lasse.

Um diesem Anspruch gerecht werden zu können, gelte es besonders den Hintergrund des regen publizistischen Nachlebens der RAF zu verstehen. Den sieht Terhoeven vor allem in der historischen Situiertheit des deutschen Linksterrorismus in drei nach wie vor kontroversen Komplexen: Erstens sei die Geschichte der RAF Teil der Nachgeschichte des Nationalsozialismus; sowohl die Gewalttäter als auch staatliche wie mediale Akteure deuteten das blutige Geschehen vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands, die „sich wie ein Wahrnehmungsfilter vor die Wirklichkeit schob“ (S. 8). Zweitens war Deutschlands bekannteste linksterroristische Formation ein Ausläufer der weltweiten 68er-Bewegungen mit ihren internationalistischen Ansprüchen sowie ihren transnationalen Vernetzungen und Transfers. Drittens verortet Terhoeven die RAF in der längeren Geschichte des Terrorismus. Die RAF partizipiere in der Geschichte der modernen politischen Gewalt an vielen bis heute wirksamen Kontinuitäten terroristischen Agierens, stelle jedoch spätestens seit dem 11. September 2001 ein endgültig entferntes Kapitel ihrer Geschichte dar. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Kevin Lenk: Rezension zu: Terhoeven, Petra: Die Rote Armee Fraktion. Eine Geschichte terroristischer Gewalt.München 2017 , in: H-Soz-Kult, 28.11.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28336>.