Rezension: Oliver Bange u.a. (Hg.), The Long Détente

Oliver Bange / Paul Villaume (Hg.), The Long Détente. Changing Concepts of Security and Cooperation in Europe, 1950s–1980sBudapest: CEU Press 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität zu Köln.

Wenn man die Jahre 1946/47 bis 1989/90 in der internationalen Politik und darüber hinaus betrachtet, konkurrieren derzeit mehrere Deutungsangebote. Der Kalte Krieg beherrscht als Terminus fast unangefochten das Feld, hat sich in Publikationsreihen und Forschungsinstitutionen festgesetzt und einen ähnlichen Härtegrad wie Absolutismus und Imperialismus erlangt, Begriffe, die längst wissenschaftlich differenziert und aufgebrochen wurden. Eine Möglichkeit für den Kalten Krieg besteht darin, unterschiedliche Phasen der zunehmend nuklear bestimmten allgemeinen Kriegsgefahr zu differenzieren, also zumeist einen ersten und zweiten Kalten Krieg vor und nach 1980 mit der neuen Ost-West-Konfrontation über Nachrüstung et cetera zu verzeichnen, vielleicht auch drei Kalte Kriege zu unterscheiden. [1] Dann sollte man die Zwischenzeiten anders bezeichnen, als Ost-West-Konflikt oder Detente. Genau diese Bezeichnung Detente macht es möglich, einen anderen Modus einzuführen, einen Verlaufstypus zu kennzeichnen, der sich letztlich 1989/90 durchsetzte. Oder aber: Der Kalte Krieg dauerte nur bis in die 1950er-Jahre, gegebenenfalls bis Mauerbau und Kubakrise – dann wurde manches anders.

Genau diesem dritten Ansatz und damit einem starken Trend der letzten Jahre ist dieser Sammelband gewidmet. Es ist sicher richtig, dass der integrale Kalte-Kriegs-Ansatz primär von den USA ausging, in der man die Konfrontation der Supermächte als allein relevant ansah, dann aber auch betonte, wie sehr dieser Krieg ein totaler geworden war, der alle Bereiche der Gesellschaft und Politik durchdrang. Sein nachdrücklichster deutscher Vertreter wurde Bernd Stöver. [2] Gerade gegenüber diesem Ansatz eines Primats der Konfrontation bis in alle Facetten von Gesellschaft und Kultur hinein ist es wichtig, die – nie ganz übersehenen – kooperativen Momente, eben der Detente herauszuarbeiten, die das gängige Bild wesentlich modifizieren können und gerade in diesem Band quellendicht ergänzen. Diese Überlegungen zur Forschungssituation werden zum Teil auch in der Einleitung der beiden Herausgeber Oliver Bange und Poul Villaume angestellt. Gottfried Niedhart vertieft dies in einer methodischen Reflexion: Detente blieb immer „ambigious“ (S. 28) und entfaltet sich auf unterschiedlichen Ebenen. weiterlesen

[1] Philipp Gassert / Tim Geiger / Hermann Wentker (Hrsg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedenssicherung. Der Nato-Doppelbeschluss in deutsch-deutscher und internationaler Perspektive, München 2011; Jost Dülffer, Europa im Ost-West-Konflikt 1945–1990, München 2004.
[2] Bernd Stöver, Der Kalte Krieg. Geschichte eines radikalen Zeitalters 1947–1991, München 2007.

Empfohlene Zitierweise
Jost Dülffer: Rezension zu: Bange, Oliver; Villaume, Poul (Hrsg.): The Long Détente. Changing Concepts of Security and Cooperation in Europe, 1950s–1980s. Budapest 2017 , in: H-Soz-Kult, 07.09.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28083>.