Rezension: Norbert Bicher (Hg.), Mut und Melancholie

Norbert Bicher (Hg.), Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD. Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten, Bonn: Dietz 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Felix Lieb, Institut für Zeitgeschichte München-Berlin.

Willy Brandt und Heinrich Böll hatten mehr gemeinsam, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Beide litten auf ihre Weise unter dem Dritten Reich, setzten sich nach 1945 für eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen ein und waren im Laufe ihrer Karrieren massiven Verleumdungen ausgesetzt: Brandt aufgrund seiner unehelichen Herkunft und Emigration; Böll wegen des Vorwurfs, ein Helfershelfer des RAF-Terrorismus zu sein. Seitdem war er als „literarischer Nestbeschmutzer“ (S. 12) abgestempelt. [1]

Norbert Bicher rekonstruiert in „Mut und Melancholie“ die von starker „gegenseitiger Hochachtung“ (S. 12) gekennzeichnete Beziehung zwischen Böll und Brandt sowie zwischen Böll und der Sozialdemokratie. Bicher, ehemals Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion, hat dafür 70 Dokumente (meist Briefe, Essays oder Zeitungsartikel) aus den Jahren 1961 bis 1985 zusammengestellt und ordnet diese in einer 44-seitigen, sehr lesenswerten Einleitung in den historischen Kontext ein. Auf äußert anschauliche Weise zeichnet er darin vor allem die starke Polarisierung der westdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit nach: Waren die Nobelpreisträger Böll und Brandt einerseits Personifikationen eines „besseren Deutschlands“, so standen sie gleichzeitig im Zentrum massiver Anfeindungen von konservativer Seite. Beiden war bewusst, dass auch in der Bundesrepublik der Kampf für Meinungsfreiheit, innere Liberalität und Rechtsstaatlichkeit stets von neuem ausgefochten werden musste (Dok. 46, 69) – ein Kampf, der Böll mit seinem Einsatz gegen die Notstandsgesetzgebung und den Radikalenerlass bisweilen auch in einen scharfen Gegensatz zur SPD trieb (Dok. 2, 3, 38, 39).

Die Auseinandersetzung zwischen Böll und der konservativen Presse in den 1970er-Jahren nimmt den zentralen Part des Buches ein. Im Januar 1972 polemisierte Böll im SPIEGEL-Artikel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ gegen die BILD-Schlagzeile „Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter“, da die Verantwortung der RAF für einen dort erwähnten Bankraub noch gar nicht erwiesen sei. Böll attackierte diesen „nackten Faschismus“ und die indirekte „Aufforderung zur Lynchjustiz“ (Dok. 10). In der Folge sah er sich einer beispiellosen Diffamierungskampagne nicht nur der Springer-Presse, sondern auch anderer Medien und rechtskonservativer Politiker ausgesetzt. Die 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wertete sogar der spätere Bundespräsident Karl Carstens als „Rechtfertigung von Gewalt“ (S. 38f.). Im gleichen Jahr beschuldigte Matthias Walden, Chefkorrespondent des Senders Freies Berlin, Böll mit teilweise falschen Zitaten aus dessen Werk der geistigen Mitverantwortung an der Ermordung des Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann. 1978 wies der BGH eine Klage Bölls dagegen noch ab, erst 1981 revidierte der BGH sein Urteil und zwang den SFB zu einer Schmerzensgeldzahlung. Der Unterstützung Brandts und der SPD konnte Böll sich dabei in aller Regel sicher sein. Ihn der geistigen Mittäterschaft am Terrorismus zu bezichtigen, sei, so Brandt, „grotesk. Wir dürfen die Anstrengungen, eine neue Liberalität, eine neue Freiheitlichkeit im Geistesleben und in der Politik zu erringen, nicht aufgeben“ (Dok. 54). Und direkt an Böll gerichtet: „Sie sind nicht so allein, wie Sie sich manchmal fühlen mögen.“ (Dok. 43). weiterlesen

[1] Zu Böll siehe zuletzt Jochen Schubert, Heinrich Böll, hrsg. v. Heinrich-Böll-Stiftung, Darmstadt 2017.

Empfohlene Zitierweise
Felix Lieb: Rezension zu: Bicher, Norbert (Hrsg.): Mut und Melancholie. Heinrich Böll, Willy Brandt und die SPD. Eine Beziehung in Briefen, Texten, Dokumenten. Bonn 2017 , in: H-Soz-Kult, 13.02.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28492>.