Rezension: Mark Jones, Die deutsche Revolution 1918/19

Mark Jones, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin: Propyläen Verlag 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Dirk Schumann, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen.

Wie Genese und Eskalation der im Frühjahr 1919 einen schrecklichen Höhepunkt erreichende Bürgerkriegsgewalt zu erklären sind, ist in der neueren Historiographie zur Revolution 1918/19 nicht grundsätzlich strittig. Dass die sozialdemokratische Regierung unter Friedrich Ebert berechtigt war, gegen linksradikale Umsturzversuche auch mit militärischen Mitteln vorzugehen, wird nicht prinzipiell bezweifelt. Außer Frage steht auch, dass beide Seiten an der Eskalation seit den Weihnachtskämpfen 1918 Schuld trugen und dafür übersteigerte Erwartungen einer zweiten Revolution auf der einen Seite und eine Überschätzung ihrer Trägerschaft sowie überzogene Ängste vor einem drohenden Chaos auf der anderen die zentrale Rolle spielten. Wie groß der jeweilige Anteil zu bemessen ist, bleibt freilich umstritten. Ob eine andere Militärpolitik, die den Aufbau eindeutig republiktreuer Einheiten vorangetrieben hätte, erfolgreich gewesen wäre und die Gewalteskalation hätte abwenden können, ist eine offene Frage.

Mark Jones, dessen Studie aus einer am Europäischen Hochschulinstitut Florenz entstandenen Dissertation hervorgegangen ist, verspricht nun, „die erste eingehende historische Analyse der Rolle blutiger Gewalt in der Novemberrevolution“ (S. 11) vorzulegen und wartet mit sehr pointierten Argumenten auf. Daran hat auch der Verlag mitgewirkt, der den deutschen Leser/innen nicht nur nicht zu viele Fußnoten mit genauen Seitenangaben der zitierten Literatur zumuten wollte, sondern wohl auch hoffte, durch plakative Thesen für Aufmerksamkeit zu sorgen. So ist die deutsche Ausgabe keineswegs eine direkte Übersetzung der bei der Cambridge University Press 2016 erschienen Originalversion, sondern eine an vielen Stellen umgearbeitete und zugespitzte Fassung mit gekürzter Forschungsdiskussion. Das mag die Lesbarkeit erleichtern (wozu auch die gute Übersetzung beiträgt), sollte aber nicht modellhaft werden.

Jones untersucht die Formen und die Entwicklung der Gewalt, die politischen Positionierungen zu ihr und die Kommunikation über sie, insbesondere vor Gericht und in der Presse. Als Quellen zieht er neben einer Vielzahl staatlicher Akten zeitgenössische Erinnerungsliteratur und Artikel aus 60 Zeitungen heran, vornehmlich allerdings von solchen aus Berlin. Besondere Aufmerksamkeit widmet er den Gräueltaten. In den Revolutionsmonaten „war Gewalt Politik, und Politik war Gewalt“ (S. 13), hält Jones fest; diesem „Grundcharakter der Epoche“ (S. 14) und vor allem der Verantwortung der Mehrheitssozialdemokratie für die Gewalteskalation sei bisher nicht hinreichend Rechnung getragen worden. Neue konzeptionelle Wege, die er aus der Historischen Semantik oder dem „spatial turn“ hätte beziehen können, beschreitet Jones in seiner Untersuchung allerdings nicht. Im Kern ist sein Zugriff die Kombination einer ‚dichten Beschreibung‘ von Gewaltkomplexen mit einer konventionellen Pressediskussion. Der Aufbau der Arbeit folgt der Chronologie. In 15 Einzelkapiteln beschäftigt sich Jones mit der Entwicklung der Gewalt im Zeitraum zwischen den letzten Kriegswochen und der Niederschlagung der Münchener Räterepublik, konzentriert auf die Schauplätze Kiel, Berlin und München. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Dirk Schumann: Rezension zu: Jones, Mark: Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Berlin 2017 , in: H-Soz-Kult, 26.10.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27742>.