Rezension: Marco Dräger, Deserteur-Denkmäler

Marco Dräger, Deserteur-Denkmäler in der Geschichtskultur der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt am Main: Peter Lang  2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Bernd Bühlbäcker, Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften, Bergische Universität Wuppertal.

Marco Dräger geht der Frage nach, „warum Deserteure ab den 1980er Jahren ‚denkmalswürdig‘ wurden, wie und von wem dieser historische Wandel eingefordert sowie begründet wurde und wie sich solche Denkmäler im Laufe der Zeit etablieren konnten – oder auch nicht.“ (S. 21) Basierend auf den Forschungsansätzen Generation und Gedächtnis lautet seine These, dass unterschiedliche Generationen unter den jeweiligen historisch-sozialen Bedingungen nicht nur eigene Geschichtsbilder besitzen, sondern diese im Feld der Geschichtskultur einschreiben, ihnen Dauerhaftigkeit und Legitimität verleihen und auch jenseits der eigenen Lebenszeit gegenüber etablierten konkurrierenden Geschichtsbildern quasi als neues historisches Paradigma durchzusetzen versuchen.

Folgerichtig diskutiert der Verfasser zunächst die Theorieangebote der Generationen-, Gedächtnis- und Denkmalforschung, ordnet danach seinen Gegenstand in den historisch-politischen Kontext der Bundesrepublik der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre ein und entwickelt anhand von zwei lokalen Fallstudien, Kassel und Göttingen, exemplarisch die kontroversen Auseinandersetzungen um ehemalige „Kriegerdenkmäler“ und ihre Transformation zu „Deserteur-Denkmälern“. Anschließend spürt der Verfasser auf Bundesebene dem mentalitätsgeschichtlichen Wandel anhand der Auseinandersetzung um die Wiedergutmachung von „Kriegsdeserteuren“ unter Berücksichtigung der fachwissenschaftlichen Kontroversen in den 1990er-Jahren nach. Hierbei kommt der Verfasser meines Erachtens zu bemerkenswerten Ergebnissen:

Insgesamt handelt es sich um eine methodisch und theoretisch äußerst innovative Untersuchung von Deserteur-Denkmälern hinsichtlich ihrer Entstehungsbedingungen und den sie leitenden Diskursen im Rahmen der Wiedergutmachungsthematik der sogenannten „Kriegsdeserteure“. Theoretisch innovativ, da die Studie sinnvoll Ansätze der Generationenforschung sowie der Diskussion über das kollektive Gedächtnis in die Untersuchung einbaut und die Frage nach den Ursachen, der Entstehung und der Wirkung solcher Denkmäler präzise in den historischen Kontext einordnen kann. Methodisch innovativ, da in der Studie anhand von zwei dicht beschriebenen Fallstudien (Kassel und Göttingen) die Geschichte ehemaliger „Kriegerdenkmäler“ und ihre Transformation zunächst auf lokaler Ebene, schließlich auch die sie leitenden Diskurse auf nationaler Ebene im Rahmen einer subtilen Diskursanalyse mustergültig analysiert werden. Darüber hinaus auch da die Veränderungen, aber auch erheblichen Widerstände gegen eine Aufwertung beziehungsweise Entschädigung dieses Personenkreises anhand der entsprechenden Protokolle des Bundestages und seiner Ausschüsse zuverlässig und präzise nachgezeichnet werden. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Bernd Bühlbäcker: Rezension zu: Dräger, Marco: Deserteur-Denkmäler in der Geschichtskultur der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main  2017 , in: H-Soz-Kult, 20.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27849>.