Rezension: Kristof Niese, „Vademekum“ der Protestbewegung?

Kristof Niese, „Vademekum“ der Protestbewegung?. Transnationale Vermittlungen durch das Kursbuch von 1965 bis 1975, Baden-Baden: Nomos 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: David Bebnowski, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Auch noch 50 Jahre nach „68“ beschäftigen die politischen und kulturellen Aufbrüche der damals überwiegend jungen aktivistischen Intellektuellen die deutsche Debattenlandschaft. Insgesamt zeichnet sich dabei seit einiger Zeit eine ideengeschichtliche und praxeologische Erweiterung zuvor behandelter politischer Perspektiven der Akteure des sprichwörtlichen roten Jahrzehnts (Gerd Koenen) ab.[1] Zentral für diese Auseinandersetzung mit den linksintellektuellen Impulsen sind zwei eng miteinander verwobene Topoi. Zum einen werden in den letzten Jahren verstärkt Leselust und Theoriebegeisterung der 68er als genuines Feld mit eigenen Sinnstrukturen thematisiert.[2] Zusätzlich hierzu entstanden und entstehen Arbeiten, die die publizistische Infrastruktur der linken Szene und deren Verhältnis zu den politischen Akteuren der Zeit und ihrem Denken vermessen.[3]

Auch Kristof Nieses Studie „‚Vademekum‘ der Protestbewegung?“ (zugleich die 2016 an der Universität Bonn eingereichte Dissertation des Autors) lässt sich beiden Bereichen zuordnen. Ihr Gegenstand ist die Zeitschrift Kursbuch. Mit einer Erstauflage von rund 50.000 Exemplaren Anfang der 1970er-Jahre war es das auflagenstärkste Periodikum linksintellektueller Publizistik seit den 1960er-Jahren. Kristof Niese ist nicht der erste Forscher, der sich dem Kursbuch widmet. Selbstbewusst tritt er in Deutungskonkurrenz mit Henning Marmullas 2011 veröffentlichter Studie.[4] Dessen Fokussierung auf den Herausgeber und Gründer Hans Magnus Enzensberger möchte er um eine genauere Ausleuchtung der Redaktions- und Verlagstätigkeiten ergänzen.[5]

Dieses Unterfangen gelingt Niese. Dabei ist es ein Pluspunkt des Buches, die herausgehobene inhaltliche Bedeutung des eigenwilligen Mitherausgebers Karl Markus Michel, aber auch der Verleger Siegfried Unseld oder Klaus Wagenbach aufzuzeigen. Darüber hinaus soll das Kursbuch, das Niese als literarisch-politische Zeitschrift einordnet, als Sonde dienen, um die Chiffre 68 zu hinterfragen. Niese zeichnet hierfür die wechselvolle Verlagsgeschichte der Zeitschrift nach und stützt sich in seiner Studie systematisch auch auf die wissenschaftlich bislang kaum beachteten „Kursbögen“. Gerade diese graphisch sehr aufwendig produzierten Beilagen werden als wirkmächtiges Feature des Kursbuches präsentiert, das eine Rezeption der Themen über die Zeitschrift hinaus ermöglichte. Das titelgebende Ziel der Abhandlung ist es dabei, die Rolle des Kursbuches als Handbuch, Ideenlieferant und Stichwortgeber der Protestbewegungen um und nach 68 zu bewerten („Vademekum“). Ohne sich ausführlich zur Methodik zu äußern, wertet Niese hierfür neben den Zeitschriften und Kursbögen auch zeitgenössische intellektuelle Diskurse und Autorennetzwerke aus. Ausführlich wird die Rezeption der Texte dabei auch in vergleichbaren Medien wie dem Argument oder dem Kürbiskern aufgegriffen. weiterlesen

Anmerkungen:
[1] Zentral: Sven Reichhardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014.
[2] Hierzu: Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990, München 2015. Zudem die entstehende Dissertation von Benedikt Sepp (Konstanz), „Theoriehunger“. Autobiographisch: Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die Jahre des wilden Lesens, Stuttgart 2014.
[3] Vgl.: Uwe Sonnenberg, Von Marx zum Maulwurf. Linker Buchhandel in West-Deutschland in den 1970er Jahren, Göttingen 2016. Hinzu kommen diverse im Entstehen begriffene Dissertationen, die sich Zeitschriftenprojekten widmen. Zur alternative: Moritz Neuffer (HU und ZfL Berlin), Die journalistische Form der Theorie; zur neuen kritik: Felix Kollritsch (ISB Bochum), Transnationale Netzwerke linker Intellektueller im Kontext der Neuen Linken in der BRD; zu Das Argument und PROKLA: David Bebnowski (ZZF Potsdam), Die Neue Linke West-Berlins.
[4] Henning Marmulla, Enzensbergers Kursbuch. Eine Zeitschrift um 68, Berlin 2011.
[5] So zuvor auch die Kritik von Christoph Kapp, in: H-Soz-Kult, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17560 (09.07.2018).

Empfohlene Zitierweise
Emiliano Perra: Rezension zu: Pearce, Andy:  Holocaust Consciousness in Contemporary Britain. New York 2014, in: H-Soz-Kult, 19.11.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23022>.