Rezension: Jonas Kreienbaum, Koloniale Konzentrationslager

Jonas Kreienbaum, „Ein trauriges Fiasko“. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900–1908Hamburg: HIS Verlag 2015.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jan Severin, Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“, Humboldt-Universität zu Berlin.

In den Debatten um den Genozid an Herero und Nama in der deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (DSWA) liegt der Fokus häufig auf dem sogenannten „Schießbefehl“ von Lothar von Trotha vom Oktober 1904, während die Geschichte der Konzentrationslager, die Lebensumstände in ihnen und die mit ihnen verbundene Zwangsarbeit in den Debatten oft in den Hintergrund tritt. Dabei gibt es bereits einige Forschungsbeiträge aus den letzten 15 Jahren, die sich einem der Konzentrationslager widmen oder diese zumindest intensiv in ihre Betrachtung des Völkermords an Herero und Nama einbeziehen.[1] Eine umfassende Monographie, welche die kolonialen Konzentrationslager in DSWA in den Fokus nimmt, fehlte jedoch bislang.

Diese Lücke möchte Jonas Kreienbaum mit seiner 2015 in der Hamburger Edition veröffentlichten Dissertation „‚Ein trauriges Fiasko.‘ Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900–1908“ schließen. Dabei belässt er es nicht bei einer Analyse der Lager in DSWA, sondern bezieht – aus einer explizit transnational orientierten Perspektive heraus – die während des sogenannten „zweiten Burenkriegs“ (1899–1902) errichteten britischen Konzentrationslager in Südafrika in seine Untersuchung mit ein. Sein Kernanliegen ist die Frage nach spezifischen Kennzeichen der kolonialen Lager in DSWA und Südafrika vor dem Hintergrund einer allgemeinen Typologie von Konzentrationslagern (S. 9). Um diese zentrale Thematik gruppieren sich für ihn mehrere weitere Forschungsfragen, so unter anderem nach dem Zweck der Lager aus Perspektive der Kolonialmächte, wie diese im Alltag funktionierten und wie sich das massenhafte Sterben der Internierten in den Lagern erklären lässt (S. 13). Wichtig ist ihm hierbei, nicht einen vermeintlichen Prototyp herauszuarbeiten, sondern den Blick auf Lager und Lagersysteme die Spezifik und die Veränderungen der Lager und Lagersysteme zu richten, wie auch die Diskrepanzen zwischen den Motiven und der konkreten Praxis der Kolonialmächte einzubeziehen (S. 15).

Zunächst widmet sich Kreienbaum in seiner Arbeit den Kolonialkriegen in Südafrika und Deutsch-Südwestafrika. Es gelingt ihm, in den beiden Kapiteln den jeweiligen Kontext, in dem die beiden Konzentrationslagersysteme eingeführt wurden, klar zu umreißen und dabei gleichzeitig konzise wie auch gut strukturierte und lesbare Überblicksdarstellungen über beide Kriege zu liefern. Im Abschnitt zum Krieg zwischen dem deutschen Kaiserreich und den Herero widmet sich Kreienbaum intensiv den Debatten um den Schießbefehl Trothas und die Frage der dahinterliegenden Vernichtungsabsicht, wobei er dahingehend argumentiert, dass sich die Vernichtungspolitik vor dem Hintergrund des Kriegs sukzessive entwickelt habe und nicht von vorneherein klar festgestanden habe (ab S. 65). weiterlesen

[1] So zum Beispiel der Artikel von Joachim Zeller zum Konzentrationslager Swakopmund: Joachim Zeller, „Ombepera i koza – Die Kälte tötet mich“. Zur Geschichte des Konzentrationslagers in Swakopmund (1904–1908), in: ders. / Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg (1904–1908) in Namibia und seine Folgen, Berlin 2004, S. 64–79.

Empfohlene Zitierweise
Jan Severin: Rezension zu: Kreienbaum, Jonas: „Ein trauriges Fiasko“. Koloniale Konzentrationslager im südlichen Afrika 1900–1908. Hamburg 2015 , in: H-Soz-Kult, 28.07.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24393>.