Rezension: Jörn Retterath, „Was ist das Volk?“

Jörn Retterath, „Was ist das Volk?“. Volks- und Gemeinschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917–1924, Berlin: Oldenbourg 2016.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Michael Fahlbusch, Universität Bern.

Begriffe wie „völkisch“ und die schier endlose Präponderanz des „Volks“ sind wieder en vogue. Politiker mittlerweile fast aller Parteien und Schattierungen bemühen sich, volksnah zu sein oder doch zumindest beanspruchen sie für sich, für das Volk zu sprechen. Hier greift die zu besprechende Arbeit ein, indem sie sich mit dem Kampf um die Deutungshoheit von Begriffen und ihren Praktiken in einer Krisenphase Deutschlands befasst. Die Arbeit entstand 2013 am Institut für Zeitgeschichte in München im Rahmen des Leibniz-Forschungsprojekts unter der Leitung von Heidrun Kämper und Peter Haslinger „Demokratiegeschichte des 20. Jahrhunderts als Zäsurgeschichte“ und war auf die frühen Weimarer Jahre fokussiert. Der Titel der Arbeit ist einem Leitartikel Friedrich Stampfers im „Vorwärts“ im November 1918 entlehnt (S. 137). Er verweist auf die Suche nach der Verortung demokratischer Parteien in der deutschen Bevölkerung. Doch auch dies hat eine längere Tradition: Nachdem er knapp 40 Jahre zuvor zum auditeur au conseil d’Etat, Beisitzer im Staatsrat, in französischen Diensten ernannt worden war, beantwortete Jacob Grimm auf dem Germanistenkongress von 1846 die Frage „was ist ein volk?“. Es sei ein „inbegriff von menschen, welche dieselbe sprache“ sprächen. Schließlich ordnete Grimm 1848 neben Lothringen und das Elsaß, das bilinguale Belgien, Holland und gar den viersprachigen Bundesstaat Schweiz ebenfalls in das Reich ein, denn sie seien „noch nicht unwiderbringlich entfremdet“. [1] Offenbar wurden und werden „Volk“ und „Raum“ visionär nicht in politischen Grenzen gedacht, selbst wenn souveräne Staaten davon tangiert sind.

Methodisch operationalisiert der Autor in vier Kapiteln Begriffe wie „Volk“ und Komposita wie „Volksgemeinschaft“ und Derivate, die er auf die regierungstragenden Parteien SPD, DDP, DVP, Zentrum und deren parteinahe Zeitungen, dem „Vorwärts“ das Blatt der SPD, das linksliberale „Berliner Tageblatt“ und die liberale „Vossische Zeitung“ der DDP, die nationalliberale „Kölnische Zeitung“ der DVP und die katholisch-konservative „Germania“ eingrenzt. Der Autor versucht, Elemente der Diskursanalyse und der Begriffsgeschichte zu kombinieren. Eher als Kontrast dienen die extremen Gemeinschaftsvorstellungen der politischen Gegner (USPD, KPD, DNVP, Völkische, NSDAP). Der Autor orientiert sich dabei chronologisch auf die Umbruchphase vom Kaiserreich zur Republik bis 1918, die verfassungsgebende Phase, und die von politischen Ereignissen überschattete, bis 1924 währende Etablierungsphase. Als Quellenfundus dienen hauptsächlich die Leitartikel der jeweils den Parteien zugeordneten Tageszeitungen und Parlaments- sowie andere Reden von Politikern. weiterlesen

[1] Klaus von See, Die Göttinger Sieben. Kritik einer Legende, Heidelberg 1997, S. 35f., 83f.

Empfohlene Zitierweise
Michael Fahlbusch: Rezension zu: Retterath, Jörn: „Was ist das Volk?“. Volks- und Gemeinschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917–1924. Berlin  2016 , in: H-Soz-Kult, 30.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26356>.