Rezension: Jörg Echternkamp u.a. (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?

Jörg Echternkamp/Hans-Hubertus Mack (Hg.), Geschichte ohne Grenzen?. Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute, Berlin: Oldenbourg 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Sebastian Rojek, Historisches Institut, Universität Stuttgart.

Der vorliegende Sammelband versteht sich, wie Jörg Echternkamp und Hans-Hubertus Mack in ihrer ausführlichen Einleitung schreiben, als Beitrag zur „historisch-politischen Bildung“ (S. 3) des Militärs. Den beiden Herausgebern, die am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam tätig sind, geht es angesichts der zunehmenden Verflechtung und Einbindung der Bundeswehr in europäische Handlungszusammenhänge darum, die „Europakompetenz“ (S. 2) der Streitkräfte zu fördern. Diese Einbindung, die sich etwa in den Polizeieinsätzen auf dem Balkan oder anderen multinationalen Missionen ausdrücke, lasse sich ebenso wie die rüstungspolitische Zusammenarbeit durchaus als Zeichen einer zunehmend europäisierten Verteidigungspolitik deuten.

Der Einsatzrealität allerdings stehe gerade im Bereich der Militärgeschichte eine nach wie vor stark in nationaler Engführung betriebene Bildungsarbeit gegenüber, argumentieren Echternkamp und Mack. Um den komplexen Anforderungen multinationaler Armeen oder gar einer potenziell europäischen Streitmacht gerecht zu werden, wie sie etwa EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker 2015 forderte, gelte es, die Militärgeschichte neu zu erzählen. Gegenüber den in der Forschung debattierten Ansätzen um eine Historiographie jenseits des Nationalstaats verhalten sich die Herausgeber pragmatisch und zielen mit ihrem Band auf die „Integration europäisch-vergleichender, transfergeschichtlicher und transnationaler Ansätze im Bereich der Militärgeschichte und ihre zielgruppengerechte Darstellung“ (S. 22). Ein solch weites Verständnis hilft sicherlich dabei, der großen Spannweite der Themen einen sinnvollen Rahmen zu geben, zumal die Aufsätze des Bandes reflektiert genug sind, um eine naive Fortschrittsgeschichte europäischer Integration nicht bruchlos auf die Vergangenheit zu projizieren. Vielmehr soll die jeweils spezifisch europäische Dimension sichtbar gemacht werden, um ein Verständnis für unterschiedliche Sichtweisen, Erinnerungen und Selbstverständnisse zu ermöglichen.

Dieses geschichtsdidaktische Ziel verfolgen die Herausgeber anhand einer systematischen Gliederung und weniger durch eine chronologische Orientierung. Deshalb haben sie die 27 Artikel (ohne Einführung) von Fachleuten aus 13 verschiedenen Ländern in sieben unterschiedlich umfangreiche Abschnitte eingeteilt, die jeweils verschiedene Dimensionen europäischer Militärgeschichte seit den Napoleonischen Kriegen umfassen. Dabei enthalten der erste und letzte Abschnitt jeweils einen Beitrag, der einen größeren Rahmen absteckt. Georges Henri-Soutou widmet sich den militärhistorischen Grundzügen von der Französischen Revolution bis 1990, während der Beitrag von Leopoldo Nuti die europäischen Reaktionen auf die Zerfallskriege nach dem Ende der staatlichen Einheit Jugoslawiens beleuchtet. Nuti erkennt in den Reaktionen den zentralen Motor, der die Initiativen zu einer eigenständigen europäischen Verteidigungspolitik entscheidend intensivierte. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Sebastian Rojek: Rezension zu: Echternkamp, Jörg; Mack, Hans-Hubertus (Hrsg.): Geschichte ohne Grenzen?. Europäische Dimensionen der Militärgeschichte vom 19. Jahrhundert bis heute. Berlin 2017 , in: H-Soz-Kult, 31.05.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27239>.