Rezension: Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg

Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648, Berlin. Rowohlt 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Jost Dülffer, Historisches Seminar, Universität zu Köln.

An die 1000 Seiten müssen es wohl schon sein bei den historischen Bänden des Professors für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität, Herfried Münkler. Nach 924 Seiten über den Ersten Weltkrieg 2014 nun 975 Seiten zum Dreißigjährigen Krieg. Wurde vor einigen Jahren die Sinnhaftigkeit des Begriffs „Dreißigjähriger Krieg“ hinterfragt, setzten sich die europäischen Ordnungskriege doch weitere Jahrzehnte fort und schien die Gewalthaftigkeit dieses Krieges manchen Autoren gar nicht so außergewöhnlich, so folgt Münkler doch einem Trend der letzten Jahre: Schon kurz nach den Ereignissen setzte sich der Begriff durch und schuf für die nächsten vier Jahrhunderte immer eine Folie, vor der nicht nur deutsche Geschichte interpretiert wurde. Jedoch: „Aus dem Trauma der Opferrolle [der Deutschen durch den Dreißigjährigen Krieg] ist das Trauma der Schuld an furchtbaren Verbrechen [der NS-Zeit] geworden.“ (S. 19) Sein neuer Blick will nicht einfach antiquarische Geschichte schreiben, sondern die „traumatischen Folgen“ des ungeheuren „Ressourcenverbrauchs“ herausarbeiten. Diese andere Perspektive läuft aber auf einen strukturellen Vergleich mit gegenwärtigen Kriegen hinaus, nämlich den Nah- und Mittelostkonflikten der letzten Jahrzehnte. Darauf ist zurückzukommen.

Münkler wechselt seine Ansatzebenen laufend, fügt zahlreiche zeitgenössische Zitate über Leid und politisches Kalkül ein, schildert ausführlich alle Schlachten und Militäraktionen. Er stützt sich gern auf Urteile der Literatur, zumal der älteren. Moriz Ritters dreibändiges Monumentalwerk von 1889–1908 gehört dazu, auch Cicely Veronica Wedgwood oder Geoffrey Parker. Doch das noch umfangreichere Werk von Peter H. Wilson von 2009, gleichzeitig mit Münklers Buch auf Deutsch erschienen, fehlt leider ganz im umfänglichen Literaturverzeichnis, ebenso Heinz Schillings Standardwerk zu den internationalen Beziehungen dieser Zeit. [1] Das verwundert umso mehr, als dass Münklers Stärke gerade darin liegt, Kriegsgeschichte in Internationale Geschichte, hier vor allem in Diplomatiegeschichte einzubetten, die Wechselwirkungen von Kriegszügen, Schlachten und politischen Absichten darzulegen, ein schnell wechselndes Handlungsgeflecht, das laufend die Optionen, Chancen, Risiken neu gewichtete. Für den Autor muss der Krieg aber zunächst einmal „sorgfältig beschrieben werden.“ (S. 37) Dass dies so ausführlich in den Schlachtenkalkülen und Kampfschilderungen geschehen ist, dürfte so manchen Leser überfordern oder ermüden. Lesenswert ist es jedoch allemal, zumal Münkler einen sehr lesbaren und klaren Stil schreibt, dazu mit Abbildungen nicht geizt, seien es alte Stiche der Zeit, seien es graphische Vergegenwärtigungen des 19. Jahrhunderts. Damit unterstreicht er zugleich die erinnerungspolitische Aufladung seines Themas. Entsprechende Bearbeitungen von Schiller bis Droysen werden häufiger herangezogen, auch ist ein ganzes Kapitel der literarischen Verarbeitung gewidmet. Doch das ist ein Seitenstrang, der das Lesen auflockert und erleichtern mag. weiterlesen

[1] Peter H. Wilson, Der Dreißigjährige Krieg. Eine europäische Tragödie, Darmstadt 2017 (englische Ausgabe 2009); Heinz Schilling, Konfessionalisierung und Staatsinteressen, 1559–1660 (Handbuch Geschichte Internationaler Beziehungen 2), Paderborn 2007.

Empfohlene Zitierweise
Jost Dülffer: Rezension zu: Münkler, Herfried: Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648. Berlin 2017, in: H-Soz-Kult, 15.03.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28820>.