Rezension: Gesa Wilangowski, Frieden schreiben im Spätmittelalter

Gesa Wilangowski, Frieden schreiben im Spätmittelalter. Vertragsdiplomatie zwischen Maximilian I., dem römisch-deutschen Reich und Frankreich, Berlin. De Gruyter 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Manfred Hollegger, Institut für Mittelalterforschung, Österreichische Akademie der Wissenschaften – Victor Franz Hess-Forschungszentrum Graz.

Nach Gregor Metzig 2016 [1] publizierte 2017 auch Gesa Wilangowski ihre ebenfalls für den Druck geringfügig überarbeitete Dissertation. Innerhalb kürzester Zeit erscheint damit eine zweite neue Arbeit, die sich mit der Diplomatie Maximilians I. befasst, naturgemäß einer „Diplomatie avant la lettre“, wie auch Wilangowski nach Martin Kintzinger betont, dessen Schülerin und Mitarbeiterin sie ist. Beide mit profunder Quellen- und Literaturkenntnis – bei Wilangowski vermisst man neben Lanzer [2] im Wesentlichen nur Naegle [3] und Golubeva [4] – geschriebenen Studien stellen den Glücksfall unterschiedlicher Ansätze dar: kommunikationstheoretisch bei Metzig, sozialkonstruktivistisch bei Wilangowski, weshalb sich beide Arbeiten daher insbesondere dort mit Gewinn parallel bzw. ergänzend lesen lassen – auch was die Frage betrifft, welche der beiden Theorien die Kriterien Thomas Kuhns (Akkuratheit, Reichweite, Einfachheit und Fruchtbarkeit) besser erfüllt –, wo sich eines ihrer sonst unterschiedlichen Fallbeispiele überlappt, nämlich bei den Verträgen von Trient – Lyon – Blois – Hagenau (1501–1505).

Wilangowskis Buch ist klar und flüssig geschrieben, bedarf jedoch einer aufmerksamen Lektüre, um die Feinheiten und Spitzfindigkeiten bei den Friedensverhandlungen und ihrer vertraglichen Verschriftlichung nachvollziehen und damit vom Mehrwert der Fallstudien profitieren zu können. Einem einleitenden Kapitel über den Stand der Forschung sowie den von Wilangowski gewählten theoretischen und methodischen Ansatz samt der Problematik der Terminologie folgen acht Kapitel mit ausgewählten Fallbeispielen, die dann im Schlusskapitel mit einer sehr eingängigen Synthese abgerundet werden. Den Beginn macht die burgundische Erbschaftsfrage nach dem Tod Karls des Kühnen (1477) im Rechtsdiskurs zwischen Jean d’Auffay auf burgundischer sowie Guillaume Cousinot und Pierre d’Oriole auf französischer Seite über die weibliche Sukzession und die Rechte Marias von Burgund vor dem Hintergrund der Verträge von Arras (1435), Conflans (1465) und Péronne (1468). Das nächste Kapitel behandelt die Waffenstillstandsversuche 1478–1480 auf dem Weg zu einem endgültigen Frieden, wobei die beiderseitige Aufwertung der Kurfürsten des Reiches als Schiedsrichter – von Seiten Maximilians aber sehr deutlich nur nolens volens – besonders bemerkenswert erscheint. Anschließend lässt Wilangowski die Friedensverträge von Arras (1482) bis Senlis (1493) ausführlich Revue passieren, eine „im heterogenen Kräftefeld von Handlungsträgern“ (S. 68) gerade für Maximilian andauernde Gratwanderung, wobei die Einbeziehung der Reichsstände als Akteure deren „nur […] geringe Performanz“ (S. 98) deutlich werden lässt. Mit dem Einschub „Reformreichstage als Zäsur?“ (S. 142) als kurzes, aber Wilangowski wichtiges Kapitel, leitet sie dann zum Reichsregiment (1500–1502) über und untersucht dessen Waffenstillstandsverhandlungen mit Ludwig XII. von Frankreich. Im folgenden Kapitel tritt wieder der König mit dem Präliminarvertrag von Trient (1501) als Akteur ins Zentrum, wenngleich die Position der Fürsten und Reichsstände aufgewertet bleibt. Diese löst sich dann allerdings mit den Interpretationen von Blois (1502) durch Erzherzog Philipp und Ludwig XII. rasch ins ganz Ungefähre auf und im Vertragswerk von Lyon – Blois – Hagenau, dem Wilangowski zurecht wieder ein sehr umfangreiches Kapitel widmet, ist keine Beteiligung durch die Reichsstände mehr greifbar (S. 187). Das Wilangowskis Fallbeispiele abschließende Kapitel über den Vertrag von Cambrai (1508) bringt darüber leider nichts, sondern widmet sich der Frage, ob dem Reichskammergericht die gleiche Rolle zugedacht war wie dem Parlament von Paris. Da Wilangowski ihre Überlegungen an der Übersetzung von „camera Imperiali“ aufhängt, sei hier nur daran erinnert, dass „Camera Imperialis“ noch im Westfälischen Frieden (1648) vier Übersetzungen hat: zwar auch „Camer-Gericht“ bzw. „Reichs Cammer: Gericht“, aber ebenso „Kayserliche Cammer“ bzw. „Reichs Cammer“. Das zehnte und letzte Kapitel „Synthese“ (S. 241–254) zeigt zusammenfassend noch einmal alle Stärken von Wilangowskis Studie, nämlich den Wandel (S. 241f., 248), die Anpassungen (S. 247, 252) sowie die Verschiebungen und Entwicklungen (S. 254), also das Prozesshafte in der Vertragsdiplomatie zwischen Maximilian I., dem römisch-deutschen Reich und Frankreich. weiterlesen

[1] Gregor Metzig, Kommunikation und Konfrontation. Diplomatie und Gesandtschaftswesen Kaiser Maximilians I. (1486–1519), Berlin 2016.
[2] Andrea Lanzer, Die Gesandten der süd- und westeuropäischen Mächte 1501–1508, phil.-Diss. [masch.] Graz 1986.
[3] Gisela Naegle (Hrsg.), Frieden schaffen und sich verteidigen im Spätmittelalter / Faire la paix et se défendre à la fín du Moyen Âge, München 2012.
[4] Maria Golubeva, Models of Political Competence. The Evolution of Political Norms in the Works of Burgundian and Habsburg Court Historians, c. 1470–1700, Leiden 2013.

Empfohlene Zitierweise
Manfred Hollegger: Rezension zu: Wilangowski, Gesa: Frieden schreiben im Spätmittelalter. Vertragsdiplomatie zwischen Maximilian I., dem römisch-deutschen Reich und Frankreich. Berlin  2017 , in: H-Soz-Kult, 19.04.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28121>.