Rezension: Dominik Feldmann, Von Journalisten und Diplomaten

Dominik Feldmann, Von Journalisten und Diplomaten. Die Entdeckung der Presse für die Außenpolitik in Preußen und Österreich 1849–1879, Berlin: Duncker & Humblot 2016.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Wolfgang Elz, Neueste Geschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Das Verhältnis von Politik und Presse bietet ein fast zeitloses Thema: Heutzutage beschimpfen die einen die Medienlandschaft als „Lügenpresse“ und bringen damit ihren Vorwurf zum Ausdruck, die „Eliten“ inner- und außerhalb der Presse gedächten, dem „wahren Volk“ nur etwas vorzulügen; andere charakterisieren kritische Presse als „Volksfeinde“ und versuchen so zu kaschieren, dass sie selbst zur Elite gehören und die Macht in Händen halten: Sie wollen den Eindruck vom vermeintlichen Rekurs auf „das Volk“ aufrecht erhalten, das man nun eben selbst authentisch informieren müsse. Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen in der Frage der Deutungshoheit über die Realität zeigt vor allem, welche Bedeutung Presse unverändert hat oder ihr jedenfalls zugemessen wird.

Pressepolitik als der gezielte Versuch von Regierungen, öffentliche Meinung über die Presse zu beeinflussen, und damit implizit auch die Bedeutung der Presse in Deutschland im „langen 19. Jahrhundert“ war vor einigen Jahrzehnten ein beliebtes Thema der Geschichtsforschung (und insbesondere von Qualifikationsschriften); in den 1960er- bis 1980er-Jahren untersuchten verschiedene Studien die Ausprägung der Presse unter Bismarck oder die österreichische Pressepolitik.[1] Ganz aus dem Blick der Forschung war sie nie entschwunden und wurde wiederholt, dann aber zumeist unter anderem Etikett, etwa dem der Mediengeschichte, behandelt. Seit einigen Jahren scheint es jedoch eine Renaissance des Themas im engeren Sinne zu geben, also des Verhältnisses zwischen Regierungen und Presse, wie neben der hier zu besprechenden Augsburger Dissertation einige jüngere Arbeiten andeuten.[2]

Feldmann hat sich die Zeit zwischen dem Ende der Revolution von 1848/49 und dem Abschluss des Zweibundes von 1879 vorgenommen. Er untersucht, wie die beiden deutschen Kontrahenten Preußen und Österreich ihre Pressepolitik im Hinblick auf das Gegenüber und den sich verschärfenden „Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland“ (Friedjung) betrieben. Kurze einleitende Abschnitte werfen einen Blick auf die technische Entwicklung durch die Einführung des Telegraphen, verbesserte Druckverfahren und auf den damit einsetzenden Weg zur Massenpresse in Deutschland sowie auf die vornehmlich repressive Pressepolitik im Vormärz. Trotz nicht ganz einfacher Archivlage kann er aufzeigen, wie nach der Revolution von 1848 und angesichts der im Revolutionsjahr neu geschaffenen breiten Öffentlichkeit die Erkenntnis in Berlin wie in Wien wuchs, dass repressive Pressepolitik alleine nicht mehr ausreichen würde, um in der deutschen öffentlichen Meinung Sympathien für die jeweils eigene Position zu wecken. Daher wurden von beiden Regierungen im Detail abweichende, aber strukturell ähnliche Maßnahmen ergriffen, nämlich die Gründung von Regierungseinrichtungen, deren Ziel die Beeinflussung der Presse durch die Anwerbung (und gegebenenfalls Besoldung) von Journalisten, die Bildung von Netzwerken oder jedenfalls die Schaffung von Einflusskanälen (etwa durch Bezug von Abonnements beträchtlichen Umfangs) hin zu einzelnen Zeitungen war. Dafür wurden beiderseits ebenso Geldmittel bereitgestellt wie für die Errichtung von „Pressefilialen“, insbesondere in Frankfurt, die am Ort der wiedererstandenen Bundesversammlung und von dort in den süddeutschen Raum wirken sollten. weiterlesen

[1] Als kleine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Eberhard Naujoks, Bismarcks auswärtige Pressepolitik und die Reichsgründung (1865–1871), Wiesbaden 1968; Barbara Krebs, Die westeuropäische Pressepolitik der Ära Beust (1865–1871), Göppingen 1970; Manfred Overesch, Presse zwischen Lenkung und Freiheit. Preußen und seine offiziöse Zeitung von der Revolution bis zur Reichsgründung (1848 bis 1871/72), Pullach bei München 1974; Heinz-Alfred Pohl, Bismarcks „Einflußnahme“ auf die Staatsform in Frankreich 1871–1877. Zum Problem des Stellenwerts von Pressepolitik im Rahmen der auswärtigen Beziehungen, Frankfurt am Main 1984; Reinhard Schwarz, Emil Pindter als offiziöser Redakteur und „Kritiker“ Otto v. Bismarcks, Frankfurt am Main 1984.
[2] Vgl. etwa Dominik Geppert, Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912), München 2007; Gabriele B. Clemens (Hrsg.), Zensur im Vormärz. Pressefreiheit und Informationskontrolle in Europa, Ostfildern 2013; Martin Wroblewski, „Moralische Eroberungen“ als Instrumente der Diplomatie. Die Informations- und Pressepolitik des Auswärtigen Amts 1902–1914, Göttingen 2016.

Empfohlene Zitierweise
Wolfgang Elz: Rezension zu: Feldmann, Dominik: Von Journalisten und Diplomaten. Die Entdeckung der Presse für die Außenpolitik in Preußen und Österreich 1849–1879. Berlin 2016 , in: H-Soz-Kult, 20.04.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27015>.