Rezension: Benedetto Zaccaria, The EEC’s Yugoslav Policy

Benedetto Zaccaria, The EEC’s Yugoslav Policy in Cold War Europe, 1968–1980, Basingstoke: Palgrave Macmillan 2016.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Karlo Ruzicic-Kessler, Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Das Buch Benedetto Zaccarias zur Politik der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gegenüber Jugoslawien im Kalten Krieg stellt eine längst überfällige Studie dar. Dies insbesondere deshalb, weil bis zu dieser Publikation keine monographische Studie zum Thema vorlag und die vorhandenen Analysen zu den Beziehungen zwischen EWG und Jugoslawien entweder schon Jahrzehnte zurückliegen [1] oder die Thematik vor allem in Zusammenhang mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Jugoslawien 1991 analysieren, bzw. die Rolle Brüssels in den n Jahren davor und danach in den Fokus nehmen.[2] Somit könnte man den Eindruck gewinnen, wie dies Zaccaria in seiner Einleitung treffend formuliert, dass die EWG vor dem Tode Titos und der sich zuspitzenden Wirtschaftskrise in Jugoslawien kein Interesse an Belgrad gezeigt habe (S. 2f.). Den Anspruch, diesen Mythos abzubauen und demgegenüber darzulegen, dass die EWG über Jahrzehnte die Entwicklungen in Jugoslawien beobachtete, registrierte und selbst als aktiver politischer Faktor auftrat, erfüllt Zaccaria in seinem Werk sehr überzeugend. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass der Autor nicht nur die relevanten Werke und Studien zum Thema analysiert, sondern insbesondere Primärquellen aus mehreren Staaten für seine Interpretation heranzieht.[3] Dies gilt es besonders hervorzuheben, da Studien über internationale Beziehungen oft einer multiarchivarischen und multiperspektivischen Grundlage entbehren.

Das Buch ist in sieben kurzweilige und prägnante Kapitel aufgeteilt, wobei das erste Kapitel für die Einleitung und das siebente für die Schlussbetrachtung verwendet werden. Somit erhält das Werk das Antlitz einer klassischen englischsprachigen Qualifikationsarbeit mit fünf Hauptblöcken, die in chronologischer Abfolge die Beziehungen der EWG zu Jugoslawien von 1957 bis 1980 abhandeln (entgegen der bescheidenen Titelwahl des Autors wird dem Abschnitt der Beziehungen von 1957 bis 1968 genug Raum gelassen).

Nach seiner Einleitung führt Zaccaria den Leser in die jugoslawische Politik zwischen den Blöcken und zeichnet das bereits bekannte Bild eines Landes, das Autonomie sucht, die Blockfreie Bewegung mitvoranbringt und sich zwischen Großmächten militärisch, ökonomisch und politisch zu behaupten versucht (S. 13ff.). Die Gründung der EWG mit den Römischen Verträgen von 1957 stellte für Jugoslawien eine Herausforderung dar, da das Land befürchten musste, aus dem Handel mit den Sechs auf längere Sicht ausgeschlossen zu werden bzw. deutliche Einbußen im Export zu verzeichnen. Immerhin gingen über 30 Prozent der jugoslawischen Exporte Ende der 1950er-Jahre in die Gründungsstaaten der EWG (S. 17). Somit erfolgten bereits früh jugoslawische Versuche, einen modus vivendiund einen Vertrag mit dem neuen Wirtschaftsraum zu finden. Diese ersten Versuche scheiterten allerdings vor allem an der Haltung der Bundesrepublik Deutschland. Da Jugoslawien die Deutsche Demokratische Republik 1956 anerkannt hatte, wurde das Land zum ersten „Opfer“ der Hallstein-Doktrin. Zwar wurden die Kontakte nach Belgrad und vertragliche Vereinbarungen nicht völlig zurückgefahren, jedoch wurde Jugoslawien auf einige Jahre in den Warteraum einer etwaigen Annäherung an die EWG gestellt. In diesem Abschnitt arbeitet Benedetto Zaccaria sehr gut die Gegensätze zwischen EWG-Mitgliedern heraus, die einen wichtigen Teil der politischen Arbeit der Gemeinschaft beeinflussten. Während anfangs die BRD jugoslawischen Forderungen skeptisch gegenüberstand, war Italien, das in den späten 1950er-Jahren und nach der partiellen Lösung des Territorialkonfliktes in der Zone um Triest 1954 an einer Öffnung zum östlichen Nachbar interessiert war, ein Sponsor der Ambitionen Belgrads. Frankreich, der dritte im Bunde der großen Vertreter der EWG, nahm hingegen eine ambivalente Rolle ein, da es einerseits Belgrad für seine Unterstützung des Front de Libération Nationale (FLN) in Algerien rügte, aber andererseits die Notwendigkeit einer vertraglichen Lösung mit Jugoslawien einsah. weiterlesen

[1] Um nur einige Beispiele zu nennen: Patrick F.R. Artisien / Stephen Holt, Yugoslavia and the E.E.C. in the 1970s, in: Journal of Common Market Studies, 18 (1980) 4, S. 355–369; Stephen Holt / Ken Stapleton, Yugoslavia and the European Community 1958–70, in: Journal of Common Market Studies 10 (1971) 1, S. 47–57; Panos Tsakaloyannis, The politics and economics of the EEC-Yugoslav relations, in: Journal of European Integration 5 (1981) 1, S. 29–52; Matthew M. Getter, Yugoslavia and the European Economic Community: Is a Merger Feasible?, in: University of Pennsylvania Journal of International Business Law 11 (1990) 4, S. 789–810; Aleksandar Goldštajn, The Relationship of Yugoslavia and the EEC, in: Common Market Law Review 18 (1981) 4, S. 569–578.

[2] Beispielhaft: Branislav Radeljić, Questionable Relationship: European Economic Community and Yugoslavia Until 1968, in: Currents of History (Tokovi istorije) (2010) 1, S. 112-127; Ders., Europe and the collapse of Yugoslavia. The role of non-state actors and European diplomacy, London 2012.

[3] Neben den Beständen aus den Archiven der Europäischen Kommission und Europäischen Union, werden italienische, französische, jugoslawische und britische Akten herangezogen.

Empfohlene Zitierweise
Karlo Ruzicic-Kessler: Rezension zu: Zaccaria, Benedetto: The EEC’s Yugoslav Policy in Cold War Europe, 1968–1980. Basingstoke 2016 , in: Connections. A Journal for Historians and Area Specialists, , <www.connections.clio-online.net/publicationreview/id/rezbuecher-27706>.