Rezension: Andrew S. Tompkins, Better Active than Radioactive!

Andrew S. Tompkins, Better Active than Radioactive! Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany (= Oxford Historical Monographs), Oxford: Oxford University Press 2016.

Rezensiert für den sehepunkte.de von: Jost Dülffer, Köln.

um 50. Jahrestag der Ereignisse von 1967/68 befinden wir uns gerade im Prozess des Erinnerns, Nachdenkens und vielleicht auch Neudenkens; die größten und umfangreichsten Demonstrationen gab es in den frühen 1980er Jahren um den NATO-Doppelbeschluss. Die Arbeit von Andrew Tompkins liegt zeitlich genau dazwischen. Sie ist auch nicht allein der bundesdeutschen Antiatomkriegs-Bewegung gewidmet, sondern auch der französischen. Es geht Tompkins nur um eine bestimmte Bewegung, nicht um das Ganze der damaligen sozialen Bewegungen. [1] Gleichermaßen strebt er keinen Vergleich oder eine Verflechtung an, sondern er spitzt zu, dass es sich gleichsam um eine deutsch-französische Bewegung handelte, die nur je regionale oder nationale Ausprägungen aufwies. Programmatisch heißt das transnationale Sozialgeschichte (die ferner auch Züge einer Kultur- und Mentalitätsgeschichte aufweist). Dieser Ansatz, die französische und deutsche Seite integral zu sehen, mag richtig sein, aber da wäre eine Einbeziehung auch anderer europäischer Staaten denkbar gewesen, die natürlich – in die Tiefe gehend – eine Dissertation überfrachtete. Andere Europäer kommen nur am Rande als Teilnehmer von Demonstrationen vor; die USA ist durch graphische Hinweise auf Harrisburg/Three Miles Island vertreten. Am Rande sind die 1970er Jahre als Teil einer neuen Phase von Globalisierung eingeordnet.

Methodisch sehr reflektiert, geht es Tompkins darum, die einzelnen Aktivisten in den Vordergrund zu stellen und eine Geschichte der Basis zu schreiben. Dazu ist es sehr erhellend, dass er sein Thema in der Zeit (ähnlicher Rhythmus mit Höhepunkt nach 1975) und vor allem im Raum einordnet – und zwar großflächig: nicht zufällig fand sich am Oberrhein, im Elsass und in Baden eine Konzentration entsprechender Bauvorhaben und Bauten, symbolisiert durch die beiden Orte Wyhl und Marckolsheim, wo der regionale Austausch naturgemäß enger war als zwischen Larzac und Malville in Frankreich, Brokdorf, Grohnde, Kalkar oder Gorleben. Die Kategorie Raum spielt aber auch in der Mikroperspektive eine große Rolle. Tompkins hat in den Jahren 2009/2010 einige Dutzend Interviews mit wichtigen Protagonisten geführt, wertet darüber hinaus eine beeindruckende Dichte an Archivalien zu den einzelnen Nuklearstandorten aus, wie es so wohl noch niemand zuvor getan hat. Als Folge dessen kann er sehr überzeugend die Kommunikation, die unterschiedlichen Ansatzpunkte und Interessen etwa zwischen städtischem und/oder studentischem Protest und ländlicher Betroffenheit und Aktivität deutlich machen: Sorgen um das eigene Land, um die Anbaubedingungen, Industrialisierung und anderes dominierte dort vielfach zunächst, dann erst wurde die Angst vor den nuklearen Anlagen durch Unfallgefahr und Strahlung dominant. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Jost Dülffer: Rezension von: Andrew S. Tompkins: Better Active than Radioactive! Anti-Nuclear Protest in 1970s France and West Germany, Oxford: Oxford University Press 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 3 [15.03.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/03/29620.html