Rezension: Adrian Hänni, Terrorismus als Konstrukt

Adrian Hänni, Terrorismus als Konstrukt. Schwarze Propaganda, politische Bedrohungsängste und der Krieg gegen den Terrorismus in Reagans Amerika, Essen: Klartext 2018.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Kevin Lenk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

1,3 Millionen Tote in Afghanistan, Pakistan und dem Irak, massive politische und ökonomische Folgeschäden, die Anzahl von Anschlägen binnen eines Jahrzehnts mehr als verzwanzigfacht: Adrian Hänni beginnt seine Dissertation im Trümmerfeld des amerikanischen War on Terror. Dessen Ausmaß bringt ihn zu der Frage, „warum sich dieser militarisierte Ansatz der Terrorismusbekämpfung politisch durchsetzen konnte und warum er nach wie vor kaum grundsätzlich in Frage gestellt wird“ (S. 18). Die Antwort sieht Hänni in spezifischen Terrorismusdiskursen und damit verbundenen Praktiken. Diese markieren Terrorismus als einen bedingungslosen Feind und verbinden ihn somit mit dem Krieg als Mittel seiner Bekämpfung.

Solche Formen des Wissens über „Terrorismus“ und die militarisierten Praktiken seiner Bekämpfung seien jedoch nicht nach den Anschlägen vom 11. September 2001 aufgekommen, sondern, so die Kernthese, älter: Ihr Vorläufer sei im Kontext des Kalten Krieges in Reagans Amerika entstanden, und die zentrale Idee dieses militarisierten Terrorismusdiskurses sei die einer globalen Terrorverschwörung mit der Sowjetunion in ihrem Zentrum gewesen. Bei dieser aber habe es sich „um ein Simulacrum gehandelt“ (S. 19), basierend auf gezielt platzierten geheimdienstlichen Desinformationen, die von einem eng geknüpften Netzwerk aus Regierungsmitgliedern, Journalisten und privaten Terrorismusspezialisten zirkuliert wurden („schwarze Propaganda“). Hänni – der seine Dissertation in Zürich bei dem Foucault-Kenner Philipp Sarasin geschrieben hat – möchte die Entstehung dieses Terrorismusdiskurses und seine praktischen Folgen genealogisch untersuchen. Damit will Hänni im Anschluss an die Historische Friedens- und Konfliktforschung durch die Analyse des kriegerischen Komplementärfalls eines militarisierten Terrorismusdiskurses Aussagen über die Vermeidung von Kriegen treffen können und knüpft methodisch an verschiedene Weiterentwicklungen der Foucaultschen Diskursanalyse an. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Kevin Lenk: Rezension zu: Hänni, Adrian: Terrorismus als Konstrukt. Schwarze Propaganda, politische Bedrohungsängste und der Krieg gegen den Terrorismus in Reagans Amerika. Essen  2018 , in: H-Soz-Kult, 13.06.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-29141>.