Rezension: Adele V. Messina, American Sociology and Holocaust Studies

Adele Valeria Messina, American Sociology and Holocaust Studies. The Alleged Silence and the Creation of the Sociological Delay, Brighton, MA: Academic Studies Press 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Michael Becker, Friedrich-Schiller-Universität Jena.

n den vergangenen zehn Jahren ist das Verhältnis von Soziologie und Nationalsozialismus wieder zum Gegenstand einer produktiven und bisweilen polemischen Debatte geworden. Dabei haben sich mehrere Diskussionsstränge herauskristallisiert. Galt die Aufmerksamkeit zunächst – wie zuvor bereits in den 1980er-Jahren – der Soziologie im Nationalsozialismus, so verlagerte sich die Debatte in der Folge zunehmend auf die Fachgeschichte nach 1945 und die Frage, warum der Nationalsozialismus als Forschungsgegenstand zu keinem Zeitpunkt im Kern der Disziplin verankert werden konnte. In jüngster Zeit rückten dann, insbesondere durch die Beiträge des Bielefelder Organisationssoziologen Stefan Kühl, vermehrt die möglichen Erträge einer soziologischen NS-Forschung in den Mittelpunkt. Schließlich, und mit den anderen Zugängen eng verwoben, wurde über das historische und gegenwärtige Verhältnis von Soziologie und Geschichtswissenschaft reflektiert und dies vor dem Hintergrund, dass die Geschichtswissenschaft sich längst nicht nur der Gesellschaft des Nationalsozialismus als Forschungsgegenstand angenommen hat, sondern in ihren Analysen auch auf soziologische Theorien zurückgreift. Dabei ist die skizzierte Diskussion im Wesentlichen auf die deutschsprachige Forschung bezogen. Internationale Stimmen kommen kaum zu Wort und die Debatte hat den Atlantik bisher nicht überspringen können. Das ist nicht nur überraschend, weil mit Zygmunt Baumans „Modernity and the Holocaust“ der Schlüsseltext der Diskussion aus dem angelsächsischen Raum stammt. Es stellt vor allem deshalb ein Defizit dar, weil die Soziologie (wie die Geschichtswissenschaft) als transnationales wissenschaftliches Feld nachhaltig durch die Wirkungen des Nationalsozialismus geprägt wurde, vermittelt durch (erzwungene) Migration und Wissenstransfer sowie die Wissenschaftspolitiken der aufeinanderfolgenden politischen Regime. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Michael Becker: Rezension zu: Messina, Adele Valeria: American Sociology and Holocaust Studies. The Alleged Silence and the Creation of the Sociological Delay. Brighton, MA  2017 , in: H-Soz-Kult, 30.05.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-28491>.