Tagung: Warum Friedenschließen so schwer ist

Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive

Bonn, 31.08.2017 – 01.09.2017

Der Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage verdeutlicht, von welch hoher Relevanz das Thema Frieden und insbesondere Friedensfindung ist. Dass dies kein Phänomen der Moderne ist, zeigt gerade die Frühe Neuzeit, zu deren Charakteristika eine ausgeprägte Friedlosigkeit, aber auch das stete Bemühen um Konfliktbeilegung gehörten. Am historischen Fallbeispiel des Westfälischen Friedenskongresses (WFK) untersucht die Tagung politische, ökonomische, soziale und diskursive Rahmenbedingungen, die Friedensschließen ermöglichen und behindern, um so zu einer höheren Sensibilität und einem tieferen Verständnis für die Komplexität von friedensstiftenden Aushandlungsprozessen auch in der Gegenwart beizutragen. Die zeitliche Distanz ermöglicht einen unvoreingenommenen und kritischen Blick.
Der WFK als erster multilateraler Gesandtenkongress der Neuzeit eignet sich besonders gut als Kontrastfolie, da er vor der Herausforderung stand, hochkomplexe religiös-konfessionelle Konfliktlagen zu entschärfen sowie Auseinandersetzungen um Staatsbildungsprozesse nach Innen und Außen beizulegen – alles Themen und Problemfelder gegenwärtiger Auseinandersetzungen in Afrika, dem Nahen Osten und Südosteuropa. Die Konzentration auf ein historisches Fallbeispiel ist notwendig, um eine ganzheitliche Betrachtung von Friedensprozessen zu gewährleisten. Diese Fokussierung auf ein Untersuchungsobjekt verhindert, unterschiedliche Ausgangssituationen zu vermischen, und sichert analytische Schärfe. Der Tagung geht es nicht darum, den WFK als Ort der Erinnerungskultur zu betonen oder ihn als Schablone auf die heutigen Konflikte zu legen.
Der Westfälische Frieden und die ihm vorausgehenden Verhandlungen gehören unstreitig zu den am dichtesten beschriebenen historischen Ereignissen der modernen Historiographie. Insgesamt löst sich die Forschung bis heute erst allmählich von der traditionellen politikgeschichtlichen Perspektive. Für das Verständnis von Frieden als Prozess ist es jedoch notwendig, einen kulturgeschichtlichen Blickwinkel einzunehmen, der soziale, ökonomische, politische und kulturelle Faktoren integriert. Deshalb wählt die Tagung einen interdisziplinären und personell wie auch thematisch internationalen Ansatz, der sich bewusst von der traditionellen historischen Forschung zum WFK abgrenzt. Vielmehr sollen bestehende Perspektiven aufgebrochen werden, um zu einer umfassenden Sicht auf Friedenschließen zu gelangen.
Dafür werden zunächst die bestehenden, zum Teil stark national geprägten Narrative zum Frieden hinterfragt sowie die ihnen zu Grunde liegenden Quellen und der Umgang mit diesen. In einem zweiten Schritt werden die Rahmenbedingungen, die Friedenschließen ermöglichen bzw. behindern, untersucht, mit anderen Worten es werden prägende Diskurse und diplomatische Praktiken in den Blick genommen. Schließlich geht es um die Funktions- und Wirkungsweise populärwissenschaftlicher Zugänge zum WFK und wie diese helfen, die Öffentlichkeit für die Schwierigkeiten des Friedenschließens zu sensibilisieren. Entsprechend schließt die Tagung mit einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Friedenschließen und kein Ende? Von der Aktualität frühneuzeitlicher Friedensprozesse“, die sich gezielt nicht nur an die Fachwissenschaft, sondern ebenso an eine breitere Öffentlichkeit richtet.
Mittels einer solch umfassenden Betrachtungsweise eines einzigen sehr prägenden historischen Fallbeispiels wird die Prozesshaftigkeit und Komplexität des Friedenschließens herausgestrichen. Ein Aspekt, der bislang in der historischen Friedensforschung und Diplomatiegeschichte nicht ausreichend Beachtung gefunden hat. weiterlesen