Rezension: Wilfried Hinsch, Die Moral des Krieges

Wilfried Hinsch, Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus, München: Piper Verlag 2017.

Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedensforschung bei H-Soz-u-Kult von: Herfried Münkler, Institut für Sozialwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin.

Hinschs Buch hat eine doppelte Ausrichtung: Zunächst ist es eine gründliche, mitunter etwas schwerfällige, jedenfalls umständliche philosophische Erörterung der Gründe, warum gelegentlich auch gewaltsame Hilfe für durch Kriege und Bürgerkriege in Bedrängnis geratene Menschen angezeigt, wenn nicht gefordert ist, und sodann ist es eine politische Intervention, die eine Veränderung der Diskurskonstellationen über Krieg und Frieden in Deutschland zum Ziel hat. Wilfried Hinsch, Professor für Philosophie an der Universität Köln, stört sich nämlich an einem, wie er mit guten Gründen meint, sterilen Gegeneinander von prinzipiellem Pazifismus, der jede Gewaltanwendung ablehnt, gleichgültig, zu welchem Zweck sie erfolgt, und einem sich weithin moralfrei gebenden Realismus, der den Einsatz des Militärs je nach politischer Lage und Erfordernis ins Kalkül zieht. Seit einigen Jahrzehnten stehen sich beide Positionen unversöhnlich gegenüber und lassen keinerlei diskursiven Fortschritt im Hinblick auf den Umgang mit dieser Herausforderung erkennen. Sobald die Frage eines Auslandseinsatzes der Bundeswehr aktuell wird, beziehen beide Seiten die Positionen, die sie seit Jahren einnehmen, und halten sich gegenseitig ihre jeweiligen Sichtweisen vor. Was eine Debatte werden könnte, erschöpft sich im Austausch von Invektiven, bei denen die einen der hemmungslosen Kriegstreiberei und die anderen der notorischen Weltfremdheit bezichtigt werden. Hinschs moralphilosophische Überlegungen zum Krieg sollen dazu dienen, die Debatte fruchtbar zu machen und deren Ergebnissen für die Entscheidungsprozesse der Politik Relevanz verschaffen. Wäre die Debatte philosophisch reflektierter, so Hinschs Leitidee, könnte sie auch politisch effektiver sein.

Um das Dilemma eines prinzipiellen Pazifismus aufzuzeigen, greift Hinsch die, wie er meint[1], für das politische Selbstverständnis der Deutschen zentrale Doppelformel „Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz“ auf und macht deutlich, dass beide Teile dieser Formel miteinander in Widerspruch geraten können – dann jedenfalls, wenn man unter dem Kriegsbegriff auch humanitäre militärische Interventionen subsummiert. Es ist ein eher bequemes politisches Selbstverständnis, in dem sich ein gutes Gewissen mit dem notorischen Heraushalten aus einem der Gewaltbeendigung dienenden Eingreifen mit militärischen Mitteln verbindet. Das ging jedoch, so Hinschs Einwand, politisch nur so lange auf, wie Deutschland infolge der Teilung für sich einen Sonderstatus beanspruchen konnte. Für die veränderten Konstellationen, in denen sich Deutschland seit einem Vierteljahrhundert bewegt, ist nach Hinsch nicht nur das Ende der Teilung Europas verantwortlich, sondern dabei spielt auch ein neuer Typ von Krieg eine Rolle, in dem ganz andere Akteure auftreten, als es das klassische Militär im herkömmlichen Staatenkrieg ist. Hinsch nimmt bei seinen moralphilosophischen Erörterungen also auch die Veränderung der politischen Rahmenbedingungen des Kriegsgeschehens in den Blick, beschäftigt sich damit aber nicht besonders eingehend. An den neuen Kriegen interessiert ihn vor allem, dass das Clausewitz‘sche Modell des Zweikampfs, d.h. die Fixierung auf den Kampf zweier Parteien, nicht mehr zutrifft, sondern dass viele Akteure in diese Kriege verwickelt sind, die immer wieder die Fronten wechseln und neue Bündnisse eingehen, so dass sich nicht abschätzen lässt, wer welche Ziele verfolgt, welche Motive hat und welche Seite wahrscheinlich aus dem Krieg als Sieger hervorgehen wird. Damit wird es schwerer, die Erfolgsaussichten einer Intervention und das dafür voraussichtlich erforderliche Niveau des Gewalteinsatzes abzuschätzen, was wiederum in Hinschs Vorschlägen zur Rechtfertigung eines Militäreinsatzes eine zentrale Rolle spielt. weiterlesen

Empfohlene Zitierweise
Herfried Münkler: Rezension zu: Hinsch, Wilfried: Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus. München  2017 , in: H-Soz-Kult, 10.07.2018, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-27847>.