Rezension – J. Pomplun: Deutsche Freikorps

Jan-Philipp Pomplun: Deutsche Freikorps. Sozialgeschichte und Kontinuitäten (para)militärischer Gewalt zwischen Weltkrieg, Revolution und Nationalsozialismus, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2022. 

Rezensiert für den AKHF von Alexander Schwarz, Universität Bayreuth

 

In der Geschichtswissenschaft variiert die Einschätzung der deutschen Freikorps zu Beginn der Weimarer Republik je nach politischer Intention: „[V]on den Geburtshelfern bis zu den Totengräbern der jungen Demokratie“ (S. 11) finden sich unterschiedliche Beurteilungen. Einigkeit bestand bisher vor allem darüber, dass es sich bei den Mitgliedern mehrheitlich um ehemalige Frontkämpfer sowie rechtsgerichtete Studenten handelt. Eine umfassende Sozialstrukturanalyse konnte diese These bisher jedoch weder bestätigen noch revidieren. Jan-Philipp Pomplun beabsichtigt mit seinem Buch, das auf seiner 2020 an der Technischen Universität Berlin eingereichten Dissertation beruht, dieses Desiderat zu schließen.

Zweifellos drängt sich der Vergleich zu Sven Reichardts wegweisender Monografie über die Sozialgeschichte der Sturmabteilung (SA) auf.[1] Die mit dem Friedrich-Ebert-Preis ausgezeichnete Schrift Pompluns will darüber hinaus die zwar bereits hinterfragte[2], aber sich dennoch haltende These der Freikorps als „Vanguard of Nazism“[3], also die Behauptung der direkten Kontinuität von Freikorps zum Nationalsozialismus (NS), empirisch untersuchen. Des Weiteren will Pomplun eine „Sozialgeschichte der Gewalt“ (S. 22) für die unterschiedlichen Einsatzorte der diversen Freikorps nachzeichnen. Dabei folgt er der zeitgenössischen Forschung, die die Brutalisierungsthese von George Mosse für die gesamte deutsche Gesellschaft zurückweist.[4] Dennoch stellt er die Frage, „ob zumindest im Fall der Freikorps von einer Brutalisierung durch den Krieg gesprochen werden kann“ (S. 170).

Ausgangspunkt der Untersuchung ist ein historischer Überblick zur Geschichte der Freikorps vom Ende des Ersten Weltkrieges bis hin zum Republikschutzgesetz. Erfreulich ist dabei die pointierte Darstellung der verschiedenen Akteure und die Differenzierung einer simplifizierenden Freund-Feind Dichotomie zwischen Revolutionären und Konterrevolutionären. Es gelingt dem Autor, die Heterogenität der unterschiedlichen paramilitärischen Einheiten herauszuarbeiten und deutlich zu machen, dass deren militärische Ausrüstung durch das Chaos der Demobilisierung, aber auch durch die sozialdemokratische Legitimierung begünstigt wurde.

Mit der Nennung der wesentlichen Parameter und historischen Bedingungen der Freikorps im Entstehungskontext der Weimarer Republik widmet sich Pomplun seinem eigentlichen Untersuchungsgegenstand – seinem Stammrollensample bestehend aus elf Freikorpseinheiten mit insgesamt 19.688 Angehörigen. Bevor die – mitunter – erstaunlichen Ergebnisse hinsichtlich der sozialen Zusammensetzung vorgestellt werden, benennt Pomplun ein wichtiges Problem seiner Studie: Für die Majorität der deutschen Freikorps finden sich bis zum jetzigen Forschungszeitpunkt keine vollständigen Stammrollen. Das Sample beschränkt sich daher auf Einheiten mit signifikanten Daten. Die untersuchten Einheiten stammen aus dem Raum Bayern, Baden und Württemberg. Darunter findet sich mit dem Freikorps Oberland[5] auch ein recht prominenter Vertreter.

In der Auswertung zeigt sich, dass die Studenten mit einem Anteil von vier Prozent keine tragende Säule der Freikorps darstellen. Auch die zahlenmäßige Beteiligung der Offiziere (drei Prozent) muss merklich niedriger angesetzt werden, als bisher von der Forschung angenommen. Eines der zentralen Verdienste der Studie ist die Erkenntnis, dass die hier behandelten Freikorps fundamental aus der Arbeiterschaft rekrutiert haben. Und hier entkräftet Pomplun ähnlich wie bereits Käppner[6] die Darstellung eines allzu homogenen Proletariats am Anfang der Weimarer Republik: „Zu groß war die Heterogenität innerhalb der Arbeiterschaft, zu tief die Gräben zwischen einzelnen politischen Strömungen und Organisationen, als dass die Arbeiterschaft als Ganzes eine geschlossene (ablehnende) Haltung gegenüber den Freikorps und der Reichsregierung hätten einnehmen können.“ (S. 95)

Die geringe Beteiligung des Beamtentums (zwei Prozent), des Mittelstandes (sieben Prozent) sowie der Bauernschaft (sechs Prozent) deckt sich mit den bisherigen Forschungsergebnissen. Ebenso fanden sich empirische Belege für die Kohärenz kirchlicher Einstellungen mit den reaktionären Bestrebungen der Freikorps. Die revolutionskritische Position der beiden Kirchen erscheint schlüssig, wenn man bedenkt, dass die progressiven Bewegungen in der Regel säkular ausgerichtet waren.

Auf Basis der Erkenntnisse über den großen Anteil der Frontkämpfer- (63 Prozent) und der Kriegsjugendgeneration (31 Prozent) in den Freikorps widmet sich Pomplun der von ihnen ausgeübten Gewalt, um seine Brutalisierungsthese zu diskutieren.

Zunächst widerspricht er aufgrund der unterschiedlichen Zusammensetzung der paramilitärischen Einheiten den Thesen einer kollektiven Kriegserfahrung der Korpskämpfer. Vielmehr drängt sich der eingängige Gedanke auf, dass die Freikorpsteilnehmer, mit Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg, die „Transmissionsriemen der Gewalt“ (S. 173) darstellen. Dieser Übergang vollzog sich sowohl über direkte Gewaltausübung wie auch unmittelbar über den Transfer von Wissen über Gewaltpraktiken. Beispielsweise empfiehl die Militärführung während der Kämpfe in Berlin und München 1919 ihren Soldaten ein rücksichtsloses Vorgehen und kein Zögern beim Gebrauch der Waffe, und zwar als zentrale Erkenntnisse aus vorangegangenen Häuserkämpfen. Gerade weil die große Mehrheit der im Ersten Weltkrieg eingesetzten Soldaten nach 1918 nicht weiterkämpfte, bedarf die Behauptung der Gewaltvermittlung, laut Pomplun, allerdings einer qualitativen Auswertung.

Die Behandlung der einzelnen militärischen Operationen folgt den aktuellen Forschungstendenzen und zielt auf Synergieeffekte einer Gewaltgeschichte der Freikorps.[7] Mitunter fehlt dem Kapitel die konkrete Einbindung der im Sample behandelten Einheiten. Dennoch werden die zentralen Erklärungsansätze für die Brutalität in Form der fehlenden Sanktionsinstanz sowie das Motiv des Antibolschewismus deutlich. Vor allem die abschließende rechtshistorische Einordnung bildet einen fruchtbaren Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen. In diesem etwas kurz geratenen Kapitel thematisiert Pomplun etwa, dass die Schießerlasse für Regierungstruppen und Freikorps während der Niederschlagung der Münchner Räterepublik rechtswidrig waren.

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Empfohlene Zitierweise:

Alexander Schwarz, Rezension zu: Pomplun, Jan-Philipp: Deutsche Freikorps. Sozialgeschichte und Kontinuitäten (para)militärischer Gewalt zwischen Weltkrieg, Revolution und Nationalsozialismus. Göttingen 2022, in: H-Soz-Kult, 05.12.2023, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-133894>.